Stand: 05.10.2017 13:00 Uhr

"Condor"-Unglück: Gefahr für alle Fischkutter?

von Maik Vukan

Es war am frühen Morgen des 6. Februar 2016, als der Fischkutter "Condor" von Burgstaaken auf Fehmarn zu einer Fangfahrt aufbrach, von der er nie wieder zurückkehrte. Am Abend fanden Rettungsmannschaften die Leichen der beiden Fischer in der Ostsee. Das gesunkene Wrack wurde erst drei Tage später auf dem Meeresgrund entdeckt. Seitdem versuchte die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) in Hamburg mit Experten herauszufinden, welche Tragödie sich auf dem Meer abgespielt hatte. Nun hat sie ihren Abschlussbericht vorgelegt. Ein 143 Seiten umfassendes Dokument, das nicht nur den Unfallhergang rekonstruiert, sondern auch brisante Fragen zur Sicherheit aller Fischkutter auf Nord- und Ostsee aufwirft. Bei der Berechnung sei laut Ermittlern die Bauform des Kutters nicht ausreichend berücksichtigt worden. Die BSU fordert nun die Berufsgenossenschaft Verkehr auf, sofort die Stabilität aller anderen Fischkutter zu überprüfen, um weitere Unglücke zu vermeiden.

Wrack lag in 22 Metern Tiefe

Die BSU hat für den Abschlussbericht das Unglück rekonstruiert. Das Wrack der "Condor" liegt etwa sechs Kilometer östlich von Fehmarn, in 22 Metern Tiefe. Erste Videoaufnahmen von Tauchern zeigen keine nennenswerten äußerlichen Schäden, die einen Hinweis auf die Unglücksursache hätten geben können. So entscheidet Ferenc John, der Leiter dieser BSU-Ermittlung, schnell: "Das Wrack muss gehoben werden, wenn wir herausfinden wollen, was sich dort auf der Ostsee abgespielt hat." Ein Bergungsunternehmen braucht mehrere Tage, um den Kutter zu heben und zur weiteren Untersuchung nach Warnemünde zu bringen. Ferenc John und sein Kollege Dirk Dietrich erinnern sich noch genau an die erste Begutachtung. "Auffällig war sofort, dass der sogenannte Fischraum, also der große Laderaum im Rumpf des Kutters, vollkommen leer und sauber war."

Fischer meldeten großen Fang, doch der Laderaum war leer

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Am 6. Februar 2016 ging der Fischkutter "Condor" vor Fehmarn unter. Ermittler der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) untersuchten das Wrack.

Da die beiden Fischer noch Minuten vor dem Unglück per Handy einen großen Fang von insgesamt rund 3.750 Kilogramm bei ihrer Fischereigenossenschaft im Hafen angemeldet hatten, gehen die Ermittler davon aus, dass der komplette Fisch in Kisten an Deck gestaut wurde. Der Kutter wird dadurch einen hohen Schwerpunkt gehabt haben. "Hinzu kommt, dass der Treibstofftank fast leer war, sodass dadurch ein wichtiges Gegengewicht im Rumpf des Schiffes fehlte", erklärt Dirk Dietrich. Experten vom Landeskriminalamt in Hamburg werden zur Unterstützung angefordert. Sie vermessen das Wrack bis ins letzte Detail mit einem 360-Grad-Laserscanner. Schließlich lässt ein externer Sachverständiger das Wrack zerlegen und alle wichtigen Bauteile genau wiegen. Am Computer berechnet er dann die Stabilität der "Condor".

"Der Kutter hatte ein sehr schlechtes Aufrichtvermögen durch seinen hohen Schwerpunkt", erläutert Jan Hatecke und erklärte den genauen Hergang. "Zum Unglückszeitpunkt haben die Fischer das Ruder hart Steuerbord eingeschlagen, sind eine scharfe Rechtskurve gefahren. Dabei ist der Kutter auf die linke Seite gekippt, konnte sich nicht wieder aufrichten, weil zu wenig Gewicht im Rumpf war."

Der Kutter muss rasend schnell gesunken sein

Die "Condor" läuft vermutlich sofort voll Wasser, geht rasend schnell unter. Und dann versagen auch noch die Rettungsmittel an Bord. Unfallermittler Dirk Dietrich erklärt, dass der Kutter "eine Notsignal-Boje hatte, die aber wohl mit runtergedrückt wurde. So konnte sie nicht an die Oberfläche aufschwimmen und ein Notsignal senden." Besonders gravierend war, dass sich auch die Rettungsinsel an Bord nicht aufbläst, obwohl sie erst wenige Wochen vorher zum Service war. "Das Wartungsunternehmen hat die Reißleine falsch gepackt, sodass die Insel sich unten am Wrack verhakt hat und nicht funktionierte", schildert Ferenc John von der BSU die dramatische Situation. Die Staatsanwaltschaft Kiel hat kurz gegen das Wartungsunternehmen ermittelt - wegen fahrlässiger Tötung. Doch das Verfahren musste schnell eingestellt werden. Es war nicht möglich nachzuweisen, dass die beiden Fischer sicher überlebt hätten, wenn die Rettungsinsel aufgetrieben wäre.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 05.10.2017 | 19:30 Uhr

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