Stand: 18.06.2015 19:57 Uhr

Warum ist der Nord-Ostsee-Kanal so wichtig?

von Matthias Friedrichsen

Der Nord-Ostsee-Kanal (NOK) gilt als eine der Hauptverkehrsadern im Norden Europas. Er ist für Schiffe der schnellste Weg von und nach Skandinavien und in die Häfen der baltischen Staaten. Wer sich gegen die NOK-Passage entscheidet, muss den Umweg über das Skagerrak in Kauf nehmen. Der kostet Reedereien mehr Treibstoff, mehr Zeit - und damit auch mehr Geld. Laut Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord (WSD) werden mit dem Weg durch den NOK durchschnittlich 250 Seemeilen abgekürzt, für die ein Schiff 14 bis 18 Stunden benötigt. Die Kanalpassage dauert hingegen nur sechs bis acht Stunden.

Fast 33.000 Schiffspassagen im Jahr 2014

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Die Schleusen, wie diese in Brunsbüttel, sind die "Herzklappen" des NOK: Ohne funktionierende Schleusen keine Kanalpassage.

Wie attraktiv die Bundeswasserstraße NOK für Reeder ist, zeigen aktuelle Zahlen der WSD. So nutzten im Jahr 2014 32.600 Schiffe den Kanal und transportierten dabei knapp 100 Millionen Tonnen Güter. Dies war das drittbeste Ergebnis bei der Tonnage seit Bestehen. 2012 waren es fast 35.000 Schiffe mit mehr als 104 Millionen Tonnen - 2008 hatten Schiffe sogar 105 Millionen Tonnen Ladung über die Wasserstraße transportiert. Im Vergleich zu früheren Jahren nutzen inzwischen zwar weniger Schiffe den Kanal, aber sie sind größer und länger. Angeführt wurde die Liste der "dicken Pötte" 2012 von dem Massengutfrachter "Aeolian Vision", der 229 Meter lang und gut 32 Meter breit ist.

Immer mehr Güterumschlag im Ostseeraum

Dass so viele Waren durch den NOK transportiert werden, liegt maßgeblich am zunehmenden Bedarf in den baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen, aber auch an Polen und Russland. Experten gehen davon aus, dass dieser Trend bis 2025 ungebrochen bleibt - vorausgesetzt, es wird in Sanierung und Modernisierung der Bundeswasserstraße investiert. Denn Schiffsrouten müssen für Reeder nicht nur günstig, sondern auch verlässlich sein. Wenn NOK-Schleusen immer häufiger und oft lange gesperrt werden, ist das ein großes Problem. Deshalb befürchtet die maritime Wirtschaft, dass mittelfristig die Reedereien anstelle von deutschen Häfen lieber in Rotterdam oder Antwerpen umschlagen und statt der Route durch den Nord-Ostsee-Kanal lieber den Seeweg um die Nordspitze Dänemarks nehmen.

NOK ist für Hamburger Hafen unverzichtbar

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Hochbetrieb vor der Kieler Schleuse: Im Sommer nutzen auch viele Sportboote den Kanal.

Dies würde Schleswig-Holstein schwer treffen, aber vor allem Hamburg. Denn ist die Kanalpassage nicht mehr erste Wahl, lohnt sich für Schiffe auch der lange Weg die Elbe hinein bis zum Hamburger Hafen nicht mehr. Jeder dritte Container, der dort umgeschlagen wird, passiert zurzeit den NOK. Das liegt an den Warenströmen. So steuern viele riesige Frachter mit Gütern aus dem Atlantikraum zunächst den Hamburger Hafen an. Dort wird die Ladung auf sogenannte Feederschiffe verteilt, die dann Kurs auf verschiedene Ziele in Skandinavien und im Baltikum nehmen. Diese "Feeder" nutzen dafür den schnellsten Weg - den Nord-Ostsee-Kanal. Um ein Feederschiff zu ersetzen, würden 700 Laster benötigt. Keine Perspektive bei dieser Prognose: Der Umschlag der deutschen Seehäfen soll von 276 Millionen Tonnen im Jahr 2010 auf 759 Millionen bis 2025 steigen.

Studie: Kanalpassage viel günstiger als Umweg über Nordspitze Dänemarks

Eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft gibt ein Beispiel, und zwar für die Fahrt eines Frachters von Hamburg nach Helsinki durch den Kanal oder außen herum. Danach war es Mitte 2008 unterm Strich rund 70.000 Euro teurer, die Route um Dänemark zu wählen. In dieser Rechnung sind die Gebühren für Lotsen und Kanalsteurer sowie für die Kanalpassage schon inbegriffen. Die Durchfahrt selbst kostet Reeder zwischen 1.500 und rund 5.800 Euro, je nach Größe eines Schiffes.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 07.03.2013 | 12:00 Uhr