Stand: 17.01.2016 10:27 Uhr

"Vorurteile können wir uns nicht leisten"

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Kritisiert Personalentscheider in Unternehmen: Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit

Die Zahl der Arbeitslosen sinkt bundesweit - auch in Schleswig-Holstein. Doch bei einer Altersgruppe scheint dieser Aufwärtstrend nicht anzukommen - bei Älteren. Ganz im Gegenteil: Unter ihnen nimmt die Arbeitslosenzahl deutlich zu. Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, erklärt im NDR Interview, wie sie sich diese gegensätzliche Entwicklung erklärt, welche Rolle die Unternehmen dabei spielen und zu welchen Gegenmaßnahmen sie rät.

Frau Haupt-Koopmann, in jeder Ecke hört man: Die Menschen sollen länger arbeiten. Wie sieht denn nun die Realität aus für die Menschen, die über 50 sind, und nun länger arbeiten wollen?

Margit Haupt-Koopmann: Die Arbeitsmarktsituation der Älteren am Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren deutlich zum Besseren verwandelt. Fakt ist: 60 Prozent sind in Beschäftigung. Das ist eine deutlich andere Entwicklung als in den letzten Jahren. Das ist aber aus meiner Sicht in erster Linie auf die stärkere Stabilität von Beschäftigungsverhältnissen zurückzuführen. Denn wir haben ein anderes reguläres Renteneintrittsalter - mit 67. Und die geförderte Frühverrentung ist seit einiger Zeit nicht mehr möglich. Das schlägt sich am Arbeitsmarkt nieder.

Aber die Statistik ist doch geschönt. Wer über 58 Jahre alt ist, Hartz IV bezieht und länger als ein Jahr erfolglos einen Job sucht, taucht nicht mehr in der Statistik auf. Diese Leute gehören aber doch da hinein...

Haupt-Koopmann: Unsere Statistik ist ausgesprochen transparent. Bundesweit kann man sie im Internet aufrufen: Wer ist hinter welcher Zahl, wie umfangreich ist diese Zahl. Wir sind völlig transparent, jeder kann das ablesen.

Fest steht, dass der Anteil der über 55-jährigen Arbeitslosen an der Gesamtzahl der Arbeitslosen zunimmt. Woran liegt das?

Haupt-Koopmann: Das hat unterschiedliche Gründe. Ich sag's mal ganz pauschal: Denen traut man nicht mehr viel zu. Wenn ein älterer Mensch erst mal arbeitslos geworden ist, dann ist es eine Riesenhürde, wieder in Beschäftigung zu kommen. Man kann auch sagen, wenn ich mir die Abgänge in den Arbeitsmarkt dann angucke: Es ist kaum noch möglich. Und wenn wir uns jetzt mal angucken, wie viele Berufsjahre in der Regel der 55-Jährige noch vor sich hat - nämlich über zehn Jahre, da muss was passieren! Nicht nur, weil er über zehn Jahre vor sich hat. Sondern weil wir in Zukunft das Fachkräftethema nur dann lösen können, wenn wir alle Potentiale ausschöpfen.

Wie ist es hier, im Land Schleswig-Holstein?

Haupt-Koopmann: Da sehe ich bundesweit überhaupt keinen Unterschied in den Regionen. Das hat etwas zu tun mit dem Altersbild in der Bevölkerung aus meiner Sicht. "Spätestens ab 55 fällt die Klappe", heißt es. Die Menschen seien dann weniger flexibel, häufiger krank, nicht technik-affin und nicht in der digitalen Welt zu Hause. Viele Unternehmen tragen dieses Vorurteil mit sich herum. Doch die Chefs, die meisten sind über 50, würden das alles für sich selbst in Abrede stellen und weit von sich weisen, dass sie nicht mehr leistungsfähig sind oder öfter ausfallen. Sie würden vielleicht sogar sagen: Ich bin kerngesund, die heutige 60 ist die alte 50. Das negative Bild stimmt so auch nicht für die anderen Älteren. Das ist eine gewisse Schizophrenie in der Gesellschaft, die ich da feststelle. Und alle Experten sind sich einig, dass wir uns dieses Altersbild künftig nicht mehr leisten können.

Warum?

Haupt-Koopmann: Wir haben eine demographische Entwicklung, die ganz deutlich aufzeigt: Wir werden weniger. Die Babyboomer-Jahrgänge, das sind die Jahrgänge 55 bis 65, gehen bald vom Arbeitsmarkt. Und das heißt hier in Schleswig-Holstein: Spätestens 2025 haben wir fast 100.000 Arbeitskräfte weniger am Arbeitsmarkt, wenn wir nicht gegensteuern.

Was erwarten Sie denn von den Unternehmen?

Haupt-Koopmann: Ich erwarte zwei Dinge: Zum Einen, dass die Entscheider ins Unternehmen gucken, wie die Belegschaft altersmäßig aufgestellt ist. Sie sollten sich fragen: Wie setze ich frühzeitig an, auch bei Un- und Angelernten in meinem Unternehmen, um sie zu qualifizieren, damit sie mich auch bis zur Altersgrenze im Unternehmen unterstützen können. Und zum Anderen, wenn Unternehmen eine Stelle zu besetzen habe, sollten sie die Vorurteile mal beiseite schieben und sich einfach die Menschen angucken. Welche berufliche Qualifikation bringt wer mit, welche Erfahrung, welche Persönlichkeit? Kluge Unternehmenschefs wissen: Nur unterschiedlich zusammengesetzte Belegschaften - von der Altersstruktur, Männer und Frauen, Migranten - bringen den größten Erfolg fürs Unternehmen. Bei manchen ist das noch nicht so angekommen.

Unternehmer stellen aber fest, Ältere sind teurer...

Haupt-Koopmann: Teurer - was heißt das? Ist das rein monetär zu sehen oder muss ich nicht auch gucken, was bringt mir der Einzelne? Teurer kann ja auch treuer heißen. Vorurteilen zu fröhnen können wir uns alle nicht mehr leisten in einem Zeitalter der Demografie und der Fachkräfteengpässe. Im Übrigen: Man sagt ja schlechthin, Ältere sind häufiger krank. Doch wenn man sich mal Krankenquoten anguckt, stellt man fest: Nein, die sind nicht häufiger krank. Nur wenn sie dann krank sind, sind sie länger krank, weil es oftmals schwerwiegendere Erkrankungen sind. Also ich glaube, wir müssen uns von alten Zöpfen trennen, die vielleicht gar nicht mehr der Lebenswirklichkeit entsprechen.

Das Interview führte Patrick Baab, Schleswig-Holstein Magazin.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 16.01.2016 | 15:00 Uhr