Stand: 30.08.2015 09:59 Uhr

Vom Hippie zum Promi-Butler von Sylt

von Simone Steinhardt

 "Hallo, ihr lieben Hamburger, schön, dass ihr da seid, herzlich willkommen!" Butler John begrüßt die Gäste einer Galerie im Friesendorf Keitum. Er kennt sie alle, doch viel wichtiger findet der 71-Jährige: "Alle kennen mich." Mit Charme, Melone und weißem Handschuh absolviert er einen von vielen Wochenend-Einsätzen in der Hochsaison auf Sylt. Der Insel, auf der Klaus-John Weber aus Böhmen als "Butler John" von den wilden 1970er-Jahren an für Aufsehen sorgt.

Butler John: Ein Mann für die High Society

Er wollte eigentlich Pfarrer werden

Butler zu sein, dass sei nie sein Berufsziel gewesen, erzählt er auf einer Terrasse mit Wattblick, die zum Millionen-Anwesen einer seiner Kunden gehört. "Ich wollte Pfarrer werden, doch ich hatte kein Abitur, nur die Fachhochschulreife absolviert." So wird es nichts mit dem Theologie-Studium. Stattdessen macht Klaus-John Weber seinen Abschluss in Betriebswirtschaft an der Fachhochschule in Essen. 1967 will er, der sich als ersten Hippie des Ruhrgebiets bezeichnet, nach Indien reisen. Von Mannheim aus soll es losgehen.

Doch der Indien-Trip soll nicht sein: Jemand stiehlt seinen Seesack mit all seinen Habseligkeiten. "Mit meinen letzten 40 Pfennigen habe ich mir die Zeitung gekauft und die Stellenanzeigen gelesen." Er hat Glück. Ein Hotel sucht einen Hausburschen. Webers Weg nach Sylt ist geebnet. Im Hotel "Vier Jahreszeiten" fängt Klaus-John Weber als Page an.

Champagner und Frikadellen für die Reichen

In die Gesellschaft der Reichen und sehr Reichen verschlägt es Klaus-John Weber schließlich durch einen Zufall: Der inzwischen verstorbene belgische Bankier Léon Baron Lambert sucht für seinen Urlaub in Kampen einen Housekeeper. Eigentlich soll ein Freund Webers den Job machen. "Der wurde aber krank. Also habe ich das selbst übernommen." Zwei Monate lang sorgt Klaus-John Weber für gemachte Betten, das Frühstück und die Zeitung.

Der Einstieg in das Butler-Leben ist gemacht. Nach einer Zwischenstation im früheren "La Bonne Auberge" in Wenningstedt avanciert Klaus-John Weber zu "Butler John". Im Frack und Lackschuhen serviert er der Kampener High Society am Strand Champagner und Frikadellen auf einem goldenen Tablett. "Eine Bekannte sagte mir: John, Du verkaufst ein Image. Und dafür nimmst Du jetzt 1.000 Mark und 90 Pfennig für die Frikadelle." 

"... als würde man den Leuchtturm von Kampen klauen."

Er ist da, wo Schauspieler, Unternehmer und Models es sich gut gehen lassen. Er wird Empfangschef auf den Partys von Togal-Chef Günther Schmidt und dem Hamburger Kaufmann und Mäzen Hubertus Wald. "Bei Wald hat sich Gunter Sachs offenbar ziemlich gelangweilt, jedenfalls haute er über das Toilettenfenster ab", schmunzelt Butler John. Im Arm von Sabine Christiansen oder schützend den Schirm haltend über Alexander zu Schaumburg-Lippe: Butler John ist Teil eines exklusiven Zirkels geworden. "Wenn es Butler John nicht geben würde, das wäre, als würde man den Leuchtturm von Kampen klauen. Das hat Friede Springer mal gesagt."

Diskretion und Freundschaft

Butler John sieht sich dennoch nicht als Butler. "Ich bin eher ein Familienmitglied, habe Kinder betreut, die heute als Großeltern die Insel besuchen." Seelsorge steht auf seiner Visitenkarte und Familienbetreuung für V.I.Ps. "Wer sehr reich ist, ist oft auch einsam und vertraut niemandem. Zu mir aber haben sie Vertrauen." Weil er immer diskret gewesen und weil es ihm nie um Geld gegangen sei. "Ich gehöre eben dazu, bin bei Familienfeiern dabei. Soll ich dafür etwa Geld verlangen?"

So sieht der siebenfache Vater seine Arbeit auch nicht als Arbeit, sondern als Begegnung mit Freunden. Denen er morgens das Frühstück bringt und die es schätzen, wenn er auf einen Schnack bleibt. Seine Familien, so sagt er, hätten ihn immer durchs Leben getragen. Selbst hat er aber nie mit einer Familie zusammengelebt: nicht mit seiner eignen und auch nicht im Haus seiner Auftraggeber. Im Sommer lebt Weber, der sich nie vom Geld versklaven lassen wollte, auf einem Campingplatz im Insel-Osten. Im Winter zieht er in eine kleine Wohnung in Westerland um. Geld ist ihm nicht wichtig. Ein Verlag bot ihm vor nicht allzu langer Zeit einen sechsstelligen Betrag für die Veröffentlichung seiner Geschichten - der Butler, der eigentlich Pfarrer werden wollte, lehnte ab.