Stand: 06.08.2014 17:00 Uhr

Verbraucherschützer kritisieren Gutfleisch

von Carsten Janz, Constantin Gill, Stefan Eilts und Christian Schepsmeier

25 Jahre Gutfleisch: Eigentlich ein Grund zum Feiern. Die Marke verspricht regionale Produkte und umfassende Transparenz. Auf der Homepage von Gutfleisch heißt es: "Wir setzen europaweit Maßstäbe bei Qualität, Sicherheit und Transparenz. Nur die höchsten Ansprüche sind uns dabei gut genug." Reporter von NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin haben sich selbst ein Bild gemacht. Die Recherchen haben ergeben, dass die bei Edeka erhältliche Marke ihre selbst gestellten Ansprüche offenbar nicht immer erfüllt.

Lücken in der Online-Datenbank

Schon beim Thema Transparenz hakt es: Auf der Gutfleisch-Homepage sollen Verbraucher nachvollziehen können, woher genau das Fleisch kommt, das sie gekauft haben. Macht man sich in der Datenbank aber auf die Suche nach Hüftsteak oder Entrecote, ist die Ausbeute mau: Stichprobenartig klicken wir uns durch verschiedene Märkte in Schleswig-Holstein. Sie alle haben laut Homepage in den vergangenen sieben Tagen - so lange kann man die Lieferungen zurückverfolgen - kein Hüftsteak oder Entrecote geliefert bekommen. Wird die Datenbank einfach nicht richtig gepflegt? Oder haben die Edeka-Märkte in Schleswig-Holstein wirklich keine entsprechende Ware bekommen? Wir machen die Probe aufs Exempel.

Fleisch aus Uruguay als regionales Produkt angeboten

Wir gehen in sieben verschiedene Märkte - und kaufen Hüftsteak und Entrecote. Von Gutfleisch soll es sein. Vor Ort fragen wir nach dem Herkunftsnachweis. Dabei stellt sich in einigen Fällen heraus: Das Hüftsteak, das in der Auslage mit Gutfleisch ausgeschildert ist, stammt in Wirklichkeit aus Uruguay. Und das obwohl die Marke mit dem Slogan "Aus der Region, für die Region" wirbt.

"Edeka will mehr Vielfalt"

Manche Verkäuferinnen in den Märkten korrigieren sich, als wir nachfragen, ob es sich wirklich um Gutfleisch-Hüftsteak handelt - und stellen richtig, dass das Fleisch nicht aus Deutschland kommt. Eine von ihnen erklärt, nachdem sie bei ihren Kollegen nachgefragt hat: "Das habe ich grad' auch erst gelernt. Edeka will mehr Vielfalt in der Fleischtheke. Ich hab jetzt gehört, dass Edeka zurzeit auch Fleisch aus Uruguay anbietet. Damit wir hier eine große Auswahl in der Auslage haben können." Auch hier ist das Hüftsteak in der Auslage aber mit Gutfleisch bezeichnet, stammt aber nicht aus Deutschland.

Abteilungsleiter reagiert gereizt

In anderen Märkten reagieren Mitarbeiter weniger gelassen, als wir auf das Gutfleisch-Schild vor dem Hüftsteak aus Uruguay verweisen. Ein Abteilungsleiter sagt gereizt: "Ich kann das auch wegnehmen", und nimmt das Schild an sich. Als wir das Fleisch am Ende trotzdem kaufen, legt er das Schild zurück in die Auslage.

Verbraucherschützerin spricht von Täuschung

Bild vergrößern
Sophie Herr vom Bundesverband der Verbraucherzentralen kritisiert Edeka.

Sophie Heer, Teamleiterin Lebensmittel beim Bundesverband der Verbraucherzentralen spricht vor dem Hintergrund unserer Recherchen von Verbrauchertäuschung: "Wenn dem Verbraucher versprochen wird, er hätte ein regionales Produkt gekauft, dann ist davon auszugehen, dass er auch eine erhöhte Zahlungsbereitschaft hat für diese Extra-Eigenschaft. Wenn das dann nicht den Tatsachen entspricht, dann wird ihm seine Zahlungsbereitschaft abgeschöpft, und ihm entsteht sogar ein finanzieller Schaden daraus."

Edeka will Märkte auf richtige Kennzeichnung hinweisen

Von Edeka-Nord heißt es dazu: Eine falsche Kennzeichnung von Ware sei ohne Diskussion ein Fehler. Die Edeka-Märkte erhielten stetig Informationen über das Gutfleisch-Konzept. Die Ware verlasse das Fleischwerk richtig gekennzeichnet. Man werde die einzelnen Märkte nochmals auf die korrekte Kennzeichnung in der Fleischtheke hinweisen.

Angaben zu Futtermittellieferanten fehlen zum Teil

Aber: Dass die Online-Suche zum Fleisch keine Treffer bringt, liegt offenbar nicht nur daran, dass Fleisch in mehreren Fällen aus Uruguay kommt. Denn es finden sich auch Lücken in anderen Bereichen: Bei einem Schweinemastbetrieb ist die Lizenz des Futtermittel-Herstellers laut Homepage 2011 abgelaufen. In anderen Fällen sind gar keine Angaben über Futtermittel zu finden.

"Familienbetrieb" mit 25.000 Mastplätzen

Bei einem Betrieb finden sich keine Informationen darüber, wo die Ferkel herkommen: Die Schweinemast auf Gut Losten in Mecklenburg-Vorpommern, die kürzlich mit schockierenden Bildern von Ferkeltötungen in den Schlagzeilen war, bezieht laut Gutfleisch-Homepage "seine Ferkel aus einem Aufzuchtbetrieb, der nicht an der Dokumentation der Edeka-Transparenz teilnimmt." Der Großbetrieb mit 25.000 Mastplätzen dürfte außerdem nicht gerade das sein, was sich Kunden unter einem "Familienbetrieb" vorstellen. Als solche werden die Gutfleisch-Zulieferer aber beworben: "Wir setzen auf Familienbetriebe, die Verantwortung für Mensch und Natur übernehmen."

Verbraucherzentrale: Fehlleitung von Verbraucherinteressen

Für Sophie Heer vom Bundesverband der Verbraucherzentralen ist klar: Edeka hat das Transparenz-Versprechen in diesen Fällen nicht gehalten: "Wenn man dem Verbraucher von vornherein sagt, 'wir haben einen besonderen Anspruch an Transparenz', und diese Dinge dann nicht überprüfbar sind, dann ist das eine Fehlleitung der Verbraucherinteressen."

Ein Entwickler des Gutfleisch-Konzepts ist enttäuscht

Bild vergrößern
Ist unzufrieden mit der Umsetzung des Gutfleisch-Konzepts: Ex-Edeka-Mitarbeiter Roland Ferber.

Für Roland Ferber, der die Marke Gutfleisch für Edeka mitentwickelt hat und mittlerweile im Ruhestand ist, hat Edeka die Versprechen an die Kunden nicht ausreichend erfüllt - er vermutet, dass die Datenbank schlicht nicht richtig gepflegt wird: "Für den Verbraucher ist dann zum Beispiel die Herkunft der Futtermittel nicht mehr nachvollziehbar, die Herkunft der Ferkel gegebenenfalls nicht nachvollziehbar, und das ist eigentlich etwas, was wir damals wollten. Und das bedeutet letzten Endes, dass das Programm in dieser alten Form nicht mehr existiert. Das ist nur noch eine Worthülse."

Edeka verteidigt das System

Edeka verteidigt das Gutfleisch-Transparenz-System. Es sei sehr komplex und herausfordernd, dennoch aber lohnenswert für die Betriebe und den Verbraucher. Aber: "Das System ist so gut wie das schwächste Glied der Kette", heißt es in der Stellungnahme von Edeka: "Es wäre immer wünschenswert und das Ziel, von jedem unserer Partner eine 100-prozentige Leistung zu erhalten." Man habe eine erneute Kontrolle und Aktualisierung der Betriebsdaten angefordert - zum Beispiel die von Gut Losten. Dass der Betrieb mit seinen 25.000 Mastplätzen für Gutfleisch liefert, ist für Edeka offenbar kein Problem: Entscheidend sei nicht die Größe, sondern dass der Betrieb inhabergeführt sei, so Edeka-Nord auf Anfrage von NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin.

Programm-Tipp

Schleswig-Holstein Magazin

Schleswig-Holstein Magazin

Mehr zu diesem Thema sehen Sie heute Abend im NDR Fernsehen ab 19:30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.08.2014 | 17:00 Uhr