Stand: 27.01.2016 17:40 Uhr

Endlich stimmt der Wikipedia-Eintrag

Jedes Jahr am 27. Januar wird nicht nur der Opfer des Holocaust gedacht. In Hamburg wird an diesem Tag ein Preis für Zivilcourage an junge Menschen verliehen: der renommierte Bertini-Preis. Eine der insgesamt fünf Auszeichnungen ging in diesem Jahr an acht Schülerinnen und Schüler aus dem schleswig-holsteinischen Uetersen. Die Gymnasiasten recherchierten, wie es um die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers in ihrer Stadt bestellt ist - und blamieren so nicht nur ihre Bürgermeisterin, sondern auch den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags. Eine Hauptrolle spielte dabei ein Wikipedia-Eintrag.

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Florian Steig, Batuhan Almaz, Arvid Maiwald (v.l.n.r.) und fünf Mitschülerinnen und -schüler werden mit dem Bertini-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.

"Lienau, Bleeker, Meßtorff, Lange, Dudda, Hitler - sie alle waren oder sind Ehrenbürger der Stadt Uetersen." Der Film "Adolf Hitler - Ein Ehrenbürger Uetersens" der Zehntklässler vom Ludwig-Meyn-Gymnasium beginnt ganz harmlos. Schnell finden sie heraus: "Hitler nahm diese Ehrenbürgerschaft am 1. November 1934 schriftlich an und war somit Ehrenbürger bis 1945." Wirklich nur bis 1945? Warum aber lässt sich dann darüber kein einziger Nachweis finden?, fragen sich Gymnasiasten. Sie legen los mit ihrer Recherche: "Wir haben uns an die Bürgermeisterin der Stadt Uetersen gewendet. Wir haben ihr eine Mail geschrieben, in der wir sie gefragt haben, ob dem noch so sei, und sie hat dann aus einem Wikipedia-Artikel zitiert", berichtet Schüler Batuhan Almaz.

Adolf Hitler © Youtube/UetersenTV und Meynungsfreiheit TV

Hitler, ein Ehrenbürger Uetersens?

Hamburg Journal 18.00 -

Acht Schülerinnen und Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums wollten wissen: Ist Adolf Hitler Ehrenbürger von Uetersen? Für ihr Projekt erhalten sie den Bertini-Preis.

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Bürgermeisterin wendet sich an den Bundestag

Die Bürgermeisterin Andrea Hansen (SPD) bestreitet den Verweis auf das Online-Lexikon Wikipedia zwar auf Nachfrage von NDR Info, räumt aber ein, dass sie auch kein Dokument über eine erfolgte Aberkennung habe vorlegen können. Florian Steig und seine Mitschüler jedenfalls forschen danach bei Wikipedia weiter: "Wir haben den Wikipedia-Autor ausfindig gemacht und ihn zu der Thematik befragt. Er konnte uns keine Quellen für seinen Artikel nennen."

Bürgermeisterin Hansen hatte sich inzwischen an den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages gewendet, so Schüler Arvid Maiwald: "Die Bürgermeisterin hat den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert angeschrieben, hat ein Gutachten angefordert, wo dann vom Wissenschaftlichen Dienst geschrieben wurde: 'In ganz vielen Städten wurde die Ehrenbürgerschaft nach dem Krieg aberkannt, unter anderem in Uetersen.' Nur das Problem war: Bei vielen anderen Städten - zum Beispiel in Goslar - wurde eine Fußnote angeführt, bei Uetersen nicht."

Wo ist in Uetersen das Stadtarchiv?

Auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages kann keinen Beleg für die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers liefern - und verweist auf Wikipedia. Das kann der 16-jährige Florian Steig nicht nachvollziehen: "Die Aufgabe des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages ist es natürlich, uns dementsprechend Fakten vorzulegen und nicht Wikipedia-Beiträge zu zitieren." Der Wissenschaftliche Dienst empfahl den Schülern zudem, das Stadtarchiv Uetersen zu nutzen. Allerdings gibt es in Uetersen gar kein Stadtarchiv, lediglich ein Heimatmuseum.

Ratsversammlung schafft am 15. Dezember Fakten

Nach eineinhalb Jahren Recherche stehen die Schüler im Winter 2015 also wieder am Anfang. Immerhin haben sie inzwischen aber alle gesammelten Fakten und die Ausflüchte in einem Video zusammengetragen und ins Internet gestellt. Kurz vor Weihnachten passiert es dann doch noch: Die Stadt Uetersen reagiert. Batuhan Almaz erzählt, dass die Stadt mitteilte, sie habe am 15. Dezember in einer Ratsversammlung Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft einstimmig aberkannt. Damit sei das Thema vorläufig aus der Welt geschafft. Das Ganze sei eine Sache von drei Minuten gewesen.

Verschwiegen werden soll an dieser Stelle nicht, dass die Hartnäckigkeit der Zehntklässler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums dahinter steckte, die die Politiker zu ihrer Entscheidung gezwungen hat. Und die dafür gesorgt hat, dass der Wikipedia-Eintrag zur Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers in Uetersen nun endlich passt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 27.01.2016 | 07:08 Uhr