Stand: 11.01.2017 17:54 Uhr

Überraschung im Prozess um Mord vor 35 Jahren

Am Flensburger Landgericht hat am Mittwoch ein besonderer Prozess begonnen - in mehrfacher Hinsicht. Gleich am ersten Verhandlungstag kamen neue Erkenntnisse ans Licht: Der Angeklagte saß schon einmal in Haft, weil er 1985 einen siebenjährigen Jungen erwürgt hatte. Jetzt verhandelt das Landgericht über einen Mordfall, der noch länger zurück liegt. Im Juni 1982 war die 73 Jahre alte Erna Ganz in ihrer Wohnung in Schleswig beraubt und erstickt worden. Angeklagt ist nun ein 52 Jahre alter Mann. Zum Zeitpunkt der Tat war er 17 und lebte in der Nachbarschaft. "Nach unserer Rechtsordnung ist er als Jugendlicher einzustufen", sagte Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt.

Beschuldigter gesteht Raubmord

"Er verschaffte sich Zugang unter dem Vorwand, telefonieren zu wollen", sagte Staatsanwalt Axel Schmidt. Bei der Polizei habe er angegeben, bei der Rentnerin nach Wertsachen gesucht zu haben, um seine damalige Drogensucht zu finanzieren. Dabei kam es zum Streit und der Angeklagte erstickte die Frau mit einem Kissen. "Die Beweislage ist so gut, dass eigentlich keine Zweifel daran bestehen, dass der Angeklagte die Tat begangen hat", sagte Staatsanwalt Axel Schmidt.

An der Leiche vergangen?

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft sind die Mordmerkmale Habgier und Verdeckung einer Straftat erfüllt. Der Angeklagte nahm die Vorwürfe regungslos auf. Ob mit der Tat auch ein Sexualdelikt einherging, ist offen. Staatsanwalt Schmidt wirft dem Mann vor, nach dem Raubmord die Kleidung der Rentnerin mit einem Küchenmesser aufgeschnitten und sich an der Leiche vergangen zu haben. Darauf deutet nach Angaben der Ermittler eine Sperma-Spur hin, die am Tatort gefunden wurde. Der Beschuldigte hatte das bei der Polizei stets bestritten. "Sobald wir das Thema ansprachen, war Schluss", sagte ein Polizist, der den Angeklagten nach seiner Festnahme befragt hatte, vor Gericht.

Verteidiger kündigt Aussage an

Im aktuellen Fall will der Angeklagte nach Angaben seines Anwalts erst später aussagen. "Er bereut, dass da was vorgefallen ist", sagte der Anwalt des Mannes. Was genau passiert sei, müsse der Prozess zeigen. So lange nach der Tat die Wahrheit herauszufinden, sei "für alle Seiten schwierig". Sein Mandant sei nach Jahrzehnten aus seiner Familie und seinem Alltag herausgerissen worden.

Wird die Haftstrafe reduziert?

Nach Jugendstrafrecht ist die Höchststrafe bei Mord zehn Jahre Haft. Das Urteil aus den 80er-Jahren könnte dem Angeklagten im Fall einer Verurteilung nun eine geringe Haftstrafe bescheren. "Das kann das Strafmaß verändern", sagte Staatsanwalt Schmidt im Gespräch mit NDR 1 Welle Nord. Nach Angaben der Prozessbeteiligten muss die achtjährige Haftstrafe aus den 80er-Jahren bei dem jetzigen Urteil berücksichtigt werden. Denn das Jugendstrafrecht sieht grundsätzlich eine maximale Freiheitsstrafe von zehn Jahren vor.

DNA-Spur führt zum mutmaßlichen Täter

Die Ermittler konnten den Mord jahrelang nicht aufklären. Seit 2012 beschäftigt sie der Fall wieder intensiver. Damals untersuchten die Kriminaltechniker eine Spermaspur vom Tatort noch einmal ganz genau und konnten verwertbare DNA isolieren. Bei einer anschließenden Reihen-Untersuchung gaben mehr als 1.200 Personen Speichelproben ab. Ein Treffer war nicht dabei. Auch die Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" berichtete 2014 über den Fall. Die Ermittler konzentrierten sich auf die Personen aus ihrem Raster, die nicht freiwillig erschienen waren oder inzwischen woanders wohnten.

Der 52-Jährige zählte zu diesen Personen. Er lebte inzwischen nicht mehr in Schleswig, sondern im Kreis Ostholstein - mit Frau und Kindern. Im Juli 2016 sollte er eine Speichelprobe abgeben. Der Mann willigte zunächst ein, tauchte aber unter. Polizisten nahmen ihn Mitte Juli in Saarbrücken fest. Seine DNA stimmte mit der vom Tatort überein.

Prozess hinter verschlossenen Türen

Die Öffentlichkeit wird von dem Prozess ausgeschlossen, weil es sich um ein Verfahren vor der Jugendkammer handelt. Wegen des großen öffentlichen Interesses und des hohen Alters des Mannes ließ die Kammer einzelne namentlich benannte Medienvertreter zu. Anders als ein Jugendlicher sei der Angeklagte durch den Prozess nicht "in seiner weiteren Entwicklung beeinträchtigt". Vorerst sind vier Verhandlungstage angesetzt.

Die langen Ermittlungen im Mordfall Erna Ganz

Weitere Informationen

Spur 1.218 bringt die Ermittler ans Ziel

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.01.2017 | 17:00 Uhr

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