Stand: 21.09.2014 17:36 Uhr

"Tschüss Fiede": Hallig-Postschiffer geht in Rente

von Karin Henningsen

Der Nebel liegt in dicken Schwaden über dem Hafen von Schlüttsiel. In wetterfeste Kleidung gepackt, drängen sich die Touristen auf die Ausflugsschiffe. Ihr Ziel: die Inseln und Halligen im nordfriesischen Wattenmeer. Langsam schiebt sich leise tuckernd ein kleines, weißes Boot zwischen die dicken Pötte. Ein schmaler Mann macht schließlich die "Störtebekker" an der Nordmole fest. Blauer Overall, darüber ein kariertes Hemd, eine Schiffermütze und ein markanter Rauschebart: Es ist Friedrich Nissen, genannt Fiede - Deutschlands einziger Hallig-Postbote.

Unterwegs mit Kult-Postschiffer Fiede Nissen

Seit 37 Jahren beliefert er die Halligen

Von Montag bis Sonnabend kommt er vormittags von Langeneß angefahren, um seine Ladung an Bord zu nehmen. Ladung, die ihm wenige Minuten später eine Mitarbeiterin der Post über die Reling reicht. Es sind Pakete von Elektrofachhändlern und Versandhäusern, gelbe Kisten mit Briefen - und vor allem: Zeitungen. "Die Zeitungen sind für die Menschen da draußen das Wichtigste", erzählt Fiede Nissen und fügt schnell an: "Ohne Zeitungen muss ich gar nicht zurückkommen."

Seit 37 Jahren macht der Mann von Langeneß diesen Job. "Damals war ich jung und brauchte das Geld", flachst er und erinnert sich daran, wie er 1977 zum ersten Mal mit einer Nussschale mit Außenbordmotor seine Tour angetreten ist: "Bei meiner Rückkehr haben wir erst einmal ordentlich gefeiert." Mittlerweile fährt er das vierte Schiff. Er hat es als Bausatz gekauft und selber zusammengebaut - das war günstiger.

Wo bist du? Wann kommst Du?

Mit seiner "Störtebekker" macht er sich auf den Weg zurück in den Nebel. Heute stehen die Halligen Oland, Gröde und Langeneß auf seinem Plan, die Hallig Habel fährt er nur zweimal in der Woche an. Draußen auf dem Meer, da ist er zuhause. Da kennt er jede Pricke, jede Sandbank, kann jede Vogelart benennen. Heute, bei dem Nebel, ist alles grau - und die Grenze zwischen Meer und Himmel nicht auszumachen. Kein Radio läuft, nur ab und zu meldet sich seine Frau Hannelore über Funk. Was er mit ihr beredet? "Das, was alle Frauen so schnacken: Wo bist du? Wann kommst Du?", erzählt er und schaut grinsend aus dem Fenster seines kleinen Steuerhauses.

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Sechs Mal die Woche werden die Bewohner der Hallig Oland mit Post per Schiff beliefert.

An diesem Tag aber hat er etwas mehr zu seiner Frau zu sagen: Zwei der Pakete sind so schwer, dass sie den Bürgermeister von Gröde anrufen und ihn zum Anleger bestellen soll. Denn das macht Fiedes Rücken nicht mehr mit. "Die Bandscheibe ist hin", sagt er "und die wird, wie ich, ja auch bald 65 Jahre alt."

Die Kiste mit Päckchen und Briefe steht schon bereit

Aber zunächst macht er vor Oland fest. Kein Mensch ist auf der Hallig zu sehen. Also klettert der Postschiffer von Bord, packt Päckchen und Briefe in eine Schubkarre und schiebt sie schweigend den schmalen Weg zur Warft hoch. Dorthin, wo sich die roten Backsteinhäuser der Bewohner dicht aneinander drängen. Ohne anzuklopfen, stellt er sie in den Hauswirtschaftsraum der Familie Sönnichsen, packt sich die Kiste mit der Post, die er mitnehmen soll und schlendert schweigend wieder zu seinem Schiff zurück.

Lass dich überraschen! Rudi Carrell springt aus Paket

Sein nächstes Ziel ist Gröde. Eine halbe Stunde Fahrzeit. Zeit, in der er von den kuriosesten Geschichten seines Berufslebens erzählt. Von den Bienenstöcken, die er nach Langeneß bringen sollte und wie er die drei Stunden an Bord in Angst verbrachte, weil es um seinen Kopf ununterbrochen summte und brummte. Oder von den vielen Touren im Winter, wenn das Meer zugefroren ist und er mit der Lore nach Dagebüll aufs Festland fährt, um die Weihnachtsbäume für die Halligbewohner zu holen. Und: Unvergessen der Moment, als Rudi Carrell aus einem der Pakete sprang und ihm lachend ein Mikrofon unter die Nase hielt und sagte: "Lass dich überraschen!" Ein Gag in einer Fernsehshow.

Schon in Abschiedsstimmung? "Nee"

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Den Plausch mit den Bewohner, wie hier mit Grödes Bürgermeister Volker Mommsen, wird dem Mann mit Rauschebart sicher fehlen.

Heute steht nichts Besonderes an. Als er sich Gröde nähert, winkt ihm schon von Weitem der Bürgermeister zu. "Hat die Fru wohl alles richtig gemacht", scherzt er und steuert sein Schiff geschickt durch die schmale Fahrrinne zum Anleger. Keine einfache Sache, denn es ist Ebbe, das Wasser läuft langsam ab, immer mehr legt die Nordsee ihren glänzenden Meeresboden frei. "Moin Fiede" ruft ihm Volker Mommsen zu, "schon in Abschiedsstimmung?" Fiede brummt zurück: "Nee, ich fahre ja noch bis zum Ende des Monats." Wieder reicht er die Pakete auf den Steg, wieder nimmt er die Post der Halligbewohner in Empfang. Die beiden plaudern noch ein wenig über den Nachfolger Johann Petersen, den ehemaligen Kaufmann von Langeneß, und über die offizielle Verabschiedung durch die Post im Fährhaus in Schlüttsiel.

Rente allein reicht nicht zum Leben

Dann muss der Schiffer los, nimmt Kurs auf sein letztes Ziel - Langeneß. Hier ist er geboren worden und hier - in seinem Elternhaus auf der Neuwarft - will er seinen Ruhestand genießen. Mit seiner Frau im Garten arbeiten, zum Fischen rausfahren oder seine Gäste in den vier Ferienwohnungen betüddeln. Davon werden sie dann auch leben, erzählt er. "Leben müssen. Die Post hat mich nie richtig angestellt, ich habe immer nur Werksverträge bekommen, das Schiff musste ich selber kaufen." Deshalb bekommt er nur 700 Euro Rente. Ob ihm die Postschifferei fehlen wird? "Klar, das wird am Anfang schon komisch sein", meint er. "Aber es ist jetzt wohl die Zeit gekommen, aufzuhören. Und dann ist auch mal gut."

Der Postschiffer holt die Flaggen ein

Dann macht er an dem schmalen Holzsteg der Hallig fest, gibt die Post dem zuständigen Zusteller. Schweigend holt er seine Flaggen ein, auch den kleinen gelben Wimpel der Post. Noch bis zum Ende des Monats ist er der "Postschiffer Fiede Nissen" - danach wieder der "Fiede von Langeneß". Und das ist dann wohl auch mal gut so.

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