Stand: 20.03.2016 10:43 Uhr

Trotz Brustkrebs vor die Kamera

von Katrin Bohlmann

Nicole Belz hatte im Oktober 2014 gerade ihr Baby bekommen, als sie die Diagnose erhielt: Brustkrebs. Schock. Ein sehr großer Schock. Elf Wochen war ihr Kind alt. "Was passiert mit dem Kind - überlebe ich das?", fragte sich die damals 41-Jährige. Nach mehreren Fehlgeburten hatten sie und ihr Mann doch endlich ihr Wunschkind, den kleinen Max.

Ein Fotoshooting für Brustkrebspatientinnen

Mutter wollte für ihren Sohn leben

Nicole Belz hatte den Knoten selbst ertastet und ging zum Arzt. Es folgten: Mammografie, Biopsie, OP. Danach empfahlen ihr die Ärzte an der Uniklinik Lübeck, die Brust komplett abnehmen zu lassen. Man habe den Tumor nicht komplett entfernen können, hieß es. Nicole Belz wollte auf Nummer sicher gehen und ließ sich gleich beide Brüste entfernen mit einem sofortigen Wiederaufbau der Brust mit Silikonkissen. Die junge Mutter aus Fehlenbötel bei Wahlstedt im Kreis Segeberg kämpfte für ihren Sohn: "Ich hatte Angst, dass er irgendwann sagt: 'Meine Mama habe ich nicht kennengelernt.' Ich wollte für ihn leben."

Mutiertes Gen löst Krebs aus

Auf Anraten der Ärzte ließ sich Nicole Belz bei Humangenetikern auf eine mögliche Krebsvererbung untersuchen. Und tatsächlich - das Ergebnis war niederschmetternd: Sie hat ein mutiertes Gen, das Krebs auslöst, das BRCA 2. Die Abkürzung steht für breast-cancer, das englische Wort für Brustkrebs. Frauen mit einem BRCA-Gendefekt haben ein sehr stark erhöhtes Risiko für Brust- und Eierstockkrebs. Ihre Entscheidung, sich beide Brüste abnehmen zu lassen, war also richtig. Ein Jahr und vier Monate später, im Januar dieses Jahres ist Nicole Belz für vier Wochen zur Reha in die Röpersbergklinik nach Ratzeburg gefahren. Dort wurde sie körperlich und psychisch wieder aufgebaut.

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Ärztin schlug Aktfoto-Shooting vor

Ihre behandelnde Gynäkologin Kerstin Knauth erzählte ihr von einem Aktfoto-Shooting für Brustkrebspatientinnen. Die Oberärztin schlug ihr vor, mitzumachen. Es würde ihrer Seele guttun, empfahl ihr die Ärztin, die seit 24 Jahren an der Ratzeburger Reha-Klinik krebskranken Frauen hilft. Die erste Reaktion von Nicole Belz: Nein, lieber nicht. "Ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken und einfach nicht attraktiv genug. Ich fühlte mich nicht schön mit all den Narben. Die Silikon-Brust sah nach der OP einfach anders aus", sagt die Schleswig-Holsteinerin. Dann fiel ihr der Bildband zur Ausstellung in die Hände. Sie sah und las die Geschichten der anderen krebskranken Frauen. "Ich habe viel geweint, es hat mich einfach sehr berührt, aber auch stark gemacht. Denn die Frauen haben gezeigt, dass man sich wieder schön und weiblich fühlen kann, mit unechten Brüsten, mit Narben am Körper, auch mit Narben in der Seele." Nicole Belz entschied sich, beim Aktfoto-Shooting mitzumachen.

Nicole Belz fühlte sich wieder schön

Am 11. März fuhr Nicole Belz nach Köln ins Studio von Fotograf Gerhard Zerbes, um sich nackt fotografieren zu lassen. Eine Visagistin schminkte sie, machte ihre Haare und legte ihr ein Ganzkörper-Make-up auf. "Dadurch fühlte ich mich irgendwie angezogen", sagt die 42-Jährige. Sechs Stunden wurde die Mutter fotografiert. "Es war ein tolles Erlebnis, wunderschöne Fotos sind entstanden. Die Pfunde, die man durch die Medikamente zugelegt hat, lässt der Fotograf durch Licht und Schatten verschwinden. Man fühlt sich einfach wieder schön und denkt: 'Guck, ich bin doch nicht verunstaltet. Man kann mich doch noch angucken.'"

Fotos sollen Betroffenen Mut machen

Die Fotos hat Gerhard Zerbes nicht nachbearbeitet - sein Grundsatz: Sie bleiben so, wie sie sind. Nicole Belz hat alle über 300 Fotos geschenkt bekommen. Die Erzieherin hat sich nach kurzem Überlegen entschieden, dass ihre Aktbilder auch in der Ausstellung und im Bildband gezeigt werden dürfen. Sie will anderen betroffenen Frauen Mut machen. "Ich möchte den Frauen zeigen, schaut her, auch mit Narben am Körper und künstlichen Brüsten ist man noch Frau und wunderschön", sagt Nicole Belz. Im Internet und damit auch bei NDR.de möchte sie die Fotos jedoch nicht sehen.

Fonds für weitere Shootings

Das Aktfoto-Shooting hat die Ratzeburger Röpersbergklinik gesponsert. Drei ihrer Patientinnen haben bis jetzt mitgemacht und waren begeistert. Deutschlandweit haben 30 Krebspatientinnen all ihren Mut zusammengenommen und sich nackt fotografieren lassen. Ein Fonds aus Sponsoring-Mitteln soll weitere Fotoshootings mit Krebspatientinnen möglich machen. Der Kölner Fotograf Gerhard Zerbes hat dieses Projekt "Veränderung" initiiert. "Das Ziel des Projektes ist es, diese Erfahrung auch anderen Betroffenen zugänglich zu machen und damit auf unkonventionelle Weise helfen zu können", sagt Zerbes. Zu jedem sensiblen, ästhetischen großformatigen Foto steht ein kurzer Text über die jeweilige Frau. Es sind Schicksale, die berühren.

Ausstellung tut Frauen gut

Ärztin Kerstin Knauth sieht sehr viel Positives in den Aktfotografien, die in der Röpersbergklinik Ratzeburg bis zum 6. April 2016 kostenlos zu sehen sind. "Die Frauen leiden unter den Körperbildveränderungen, den Narben, dem Brustverlust. Sie haben ihre Haare unter der Chemotherapie verloren, sind psychisch am Ende. Sie denken, sie sind nicht mehr Frau. Durch die Ausstellung haben die Frauen gelernt, sich wieder als Frau zu fühlen - sich schön zu finden, das zeigt die Ausstellung sehr ästhetisch und sinnlich." Die Ausstellung tut den Frauen einfach gut.

Ausstellung in Ratzeburg

Die Aktfotografien der Frauen sind bis zum 6. April 2016 in der Röpersbergklinik Ratzeburg zu sehen.

Röpersbergklinik
Röpersberg 47
23909 Ratzeburg

Nicole Belz genießt ihr Leben

Nicole Belz genießt inzwischen das Leben. Ihr Sohn ist ein Jahr und acht Monate alt. Der Aufenthalt in der Reha-Klinik und das Foto-Shooting haben ihr sehr gut getan. Sie sagt: "Der Krebs hat mir gezeigt, dass man noch lebt - was wichtig ist im Leben und was man nicht verlieren möchte." Sie hat Ruhe und Gelassenheit gewonnen und genießt das Leben. "Ich weiß jetzt, dass das Leben tatsächlich so schnell zu Ende sein kann. Dieser Schutzmantel "Mir passiert das nicht", den man meint um sich zu haben, ist ganz, ganz dünn. Mir passiert das nicht noch einmal."

Vorbild für andere Frauen

Nicole Belz hilft es, über ihre Krankheit, ihre Behandlung und Erlebnisse zu reden. Sie geht offen damit um. Den Krebs, davon ist sie überzeugt, habe sie jetzt besiegt. Im April wird Nicole Belz noch einmal operiert. Sie lässt sich die Eierstöcke- und Eileiter herausnehmen. Sicherheitshalber. Damit sie entspannter leben kann - mit ihrem Sohn, mit ihrem Mann.

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