Stand: 29.06.2017 19:40 Uhr

"Es geht los": Wenn trächtige Kühe eine SMS senden

von Marie Meyer

Mehr als 80 Milchkühe laufen auf der Wiese und in den großzügigen Ställen der Familie Ellerbrock in Westerau (Kreis Stormarn) umher. Auf den ersten Blick sehen alle Tiere gleich aus. Eine Kuh fällt allerdings auf. An ihrem Schwanz ist ein kleines schwarz-grünes Gerät befestigt - das sogenannte Moocall. Es misst bei der trächtigen Kuh, wann die Wehen einsetzen - und versendet eine SMS an das Handy von Landwirt Phillip Ellerbrock. So kann der 27-Jährige bei einer bevorstehenden Geburt rechtzeitig helfen, vor allem wenn das Kalb falsch liegt. Früher hatte er immer Sorge, dass er die Geburt in der Nacht verpasst. Er stellte sich deshalb alle paar Stunden den Wecker und sah nach dem Tier. Trotzdem kam er öfter zu spät. "Jetzt ist alles wesentlich entspannter", erzählt Ellerbrock.

"Muh" mit Moocall - die App für Kühe

Tierarzt entdeckt Moocall auf einer Messe

Im vergangenen Jahr hörte der 27-Jährige erstmals vom Moocall. Sein Tierarzt erzählte ihm davon. Er habe während einer Fortbildung in Irland von dem Gerät erfahren, sagt Ellerbrock, der sich danach im Internet über das Gerät informierte. Schnell war er überzeugt. "Sogar einen deutschen Ansprechpartner gibt es", erzählt der Landwirt begeistert. Er ist offensichtlich der erste Bauer in Schleswig-Holstein, der das Gerät für rund 300 Euro bestellt hat. Inzwischen hat er es befreundeten Landwirten empfohlen. "Zwei bis drei Freunde von mir nutzen das Moocall jetzt auch."

Gerät erfasst Schwanzbewegungen der Kuh

Doch wie funktioniert das System genau? Das Gerät wird zwei bis drei Tage vor dem errechneten Geburtstermin der Kuh am oberen Teil des Schwanzes angebracht. "Es darf nicht zu fest oder zu locker sitzen, sonst gibt es Fehlermeldungen oder das Gerät rutscht vom Schwanz. Nach einiger Zeit hat man aber den Dreh raus", erzählt Ellerbrock. Das Moocall misst anschließend die Bewegungen des Kuhschwanzes. "Durch die Wehen bewegt die trächtige Kuh kurz vor der Geburt vermehrt den Schwanz", erklärt der Milchbauer. "Allerdings kann es auch ab und zu Fehlermeldungen geben, zum Beispiel wenn es besonders viele Fliegen gibt und die Kühe dadurch ebenfalls vermehrt ihre Schwänze bewegen."

Über das Mobilfunknetz wird eine Nachricht an den Bauern gesendet

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Wenn das Gerät richtig sitzt und die Kuh zum "Abkalben" in die entsprechende Box gebracht wurde, kann sich der 27-Jährige entspannen. Denn jetzt verpasst er auch nach Feierabend keine Geburt. Das Moocall ist über das Mobilfunknetz verbunden und kann an zwei Handys gleichzeitig Nachrichten schicken. Dort erscheint dann die Gerätenummer sowie "starke Aktivität in der letzten Stunde". Wenn rund eine Stunde später die zweite SMS mit dem Inhalt "starke Aktivität in den letzten zwei Stunden" kommt, dann steht er auf. So hat der Landwirt seit September schon um die 60 Geburten seiner Kühe begleitet.

In mehreren Fällen hätte es ohne seine Unterstützung bei der Geburt Probleme gegeben. "Wenn ich durch das Moocall ein bis zwei Kälber im Jahr retten kann, dann lohnt sich das Gerät für rund 300 Euro total", sagt Ellerbrock und betont: "Bei uns hat jede Kuh einen Namen, jede Kuh ist anders und der Tod einer Kuh oder eines Kalbes wäre nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust, sondern auch ein persönlicher."

Mit der Moocall-App weltweit verbunden

Mit dem Handy-Empfang hatte der Bauer bisher nie Probleme. Neben der SMS wird auch die Moocall-App aktiv, die man sich zur Nutzung des Geräts herunterladen muss. Wenn dort der Alarm angeht, ertönt mehrfach das Muhen einer Kuh auf dem Smartphone. "Die SMS ist meist schneller als die App. Wenn dann ein paar Sekunden später das "Muh" kommt, dann weiß ich, dass es losgeht", sagt Ellerbrock. Außerdem gibt es einen Chatbereich, in dem sich Nutzer des Geräts aus der ganzen Welt austauschen und auch Bilder von erfolgreichen Geburten schicken können. Bisher hat der Landwirt nur einen Moocall. "Nach meiner eigenen einjährigen Testphase will ich aber noch ein oder zwei weitere Geräte kaufen", kündigt er an.

Gerät in Deutschland noch relativ unbekannt

Für den Bauernverband Schleswig-Holstein ist das Moocall noch Neuland. "Wir haben bisher noch nichts davon gehört", meint eine Sprecherin. Allerdings werde die Landwirtschaft an sich immer digitaler. Zum Beispiel können Milchkühe durch Schrittzähler kontrolliert werden. Die Werte werden automatisch auf einen Computer übertragen. Je nachdem wie viel sich die Kuh bewegt, können unter anderem frühzeitig Krankheiten erkannt werden - wie zum Beispiel an den Klauen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 29.06.2017 | 17:00 Uhr

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