Stand: 20.02.2013 14:41 Uhr

Tatortreiniger: Er kommt, wenn alles aus ist

von Hanna Grimm, NDR.de

Wieder und wieder wischt Dirk Plähn über den Badezimmerboden, der einmal weiß gewesen ist. Die braune fettige Masse, die den Boden bedeckt, ist hartnäckig. Hier ist eine alte Frau gestorben. Drei Wochen hat sie neben der Toilette gelegen. Dann ist den Nachbarn der Geruch aufgefallen. Plähn trägt eine spezielle Maske mit Filtern. So kann er es im Bad aushalten. Um sich vor Schmutz, Keimen und Bakterien zu schützen, hat er einen weißen Ganzkörperanzug und Gummihandschuhe an.

Der, der den Tod wegputzt

"Die meisten Menschen können mit dieser Situation nicht umgehen. Ich komme damit klar", sagt Plähn. Seit drei Jahren arbeitet er als Tatortreiniger. Er hat eine Ausbildung zum staatlich geprüften Desinfektor abgeschlossen und sich mit seinem Büro in Barsbüttel in Schleswig-Holstein selbstständig gemacht. Im Norden ist der 44-Jährige einer der wenigen, die diesen Job machen. Egal ob Mord, Selbstmord, ein Toter, der lange in einer Wohnung lag, oder Messie-Wohnungen - Plähn reinigt alles.

Viele Gewerke in einem Beruf

Mit einem Hammer reißt er nun das Klo im Badezimmer der Verstorbenen ein. "Das Fett zieht in die Ritzen, Fugen und sogar in den Estrich. Das muss alles entfernt werden. Sonst kriegt man den Gestank in schweren Fällen nicht raus", erklärt er.

Als Tatortreiniger muss sich Plähn in vielen Bereichen gut auskennen. "Man muss wissen, wie ein Fußboden aufgebaut ist, wie Heizungsrohre verlegt sind oder wo Strom liegt. Ich hab Know-how über Tapeten, Fliesen, Holz, Stein und Desinfektions- und Reinigungsmittel", sagt er.

Akkordarbeit im Team

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Ohne Schutzmontur geht bei einem Einsatz des Tatortreinigers gar nichts.

Im Schnitt rückt Plähn vier Mal im Monat aus. Er hat eine 24-Stunden Rufbereitschaft. Bei großen Reinigungen und Entrümpelungen arbeitet Plähn mit einem Team. Der Selbstständige heuert dann Subunternehmer an, die ihn unterstützen.

Die Teamarbeit hilft ihm dabei, seine Arbeit nicht zu nah an sich rankommen zu lassen. Es sei gut mit jemandem zu reden, der das gleiche erlebe, sagt er. Nicht immer ginge alles ernst und traurig zu in seinem Job. "In den Pausen lachen wir und reißen auch mal 'nen Spruch, klar", sagt er.

Auch über die NDR Comedy-Serie "Der Tatortreiniger" kann Plähn lachen. "Die hat einen frischen, supergeilen Charakter. Schotty ist ein klasse Typ mit seinem Witz", meint er. Mit der tatsächlichen Arbeit habe die Serie allerdings wenig zu tun. Die Arbeit könne einen bis zur Grenze der körperlichen Belastung bringen: "Aber das sollte eine Comedy-Serie nicht so darstellen."

Bitte kein Bild im Kopf

Körperlich gearbeitet wird auch in der Wohnung der alten Dame. Diese soll nicht nur gereinigt, sie soll auch ausgeräumt werden. Im Wohn- und Schlafzimmer packt Plähn nun ihre Sachen zusammen. Das Zimmer wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben. An der Wand stehen Holzschränke aus den 1970er-Jahren, die Vorhänge sind vergilbt, das graue Sofa durchgesessen. Auf der Anrichte in der Küche: eine verkohlte Kaffeemaschine. Möglicherweise hat die alte Dame sich vor ihrem Tod noch einen Kaffee aufgesetzt.

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"Tatorte reinigen ist schwere körperliche Arbeit", sagt Dirk Plähn.

Doch das sind Dinge, die Dirk Plähn nicht an sich heranlässt. "Wenn ich in einer Wohnung bin, drehe ich alle Bilder von der verstorbenen Person um. Ich sehe nur das, was ich zu reinigen habe. Mir reicht es schon, wenn ich den Namen der Person kenne", sagt er. Nur so schaffe er es, Abstand zu halten.

Bilder der alten Dame stehen in der Wohnung nicht mehr. Das was an persönlichen Dingen noch da ist, wandert in einen Container vor der Tür - eine braune Decke, ein altes Radio und eine Flasche Champagner, die sie vielleicht für einen besonderen Moment aufgehoben hat. Die wichtigen Sachen haben die Angehörigen schon abgeholt, bevor Plähn angerückt ist.

Im Angesicht mit Angehörigen

Häufig passiert es, dass der Tatortreiniger bei seinen Einsätzen auf die Familien der Verstorbenen trifft. Dann ist besondere Sensibilität gefragt. "Gelernt hab ich es nicht, die Leute zu unterstützen. Ich kann aber gut mit der Trauer umgehen. Manchmal wollen die Leute einfach jemanden zum Zuhören und dann setze ich mich eben noch eine Stunde mit denen hin", erzählt Plähn. Genau deswegen mache er seinen Job gern. "Eigentlich hast du nur mit schlechten Sachen zu tun. Das einzig Schöne ist, dass ich Menschen in einer wirklichen Notsituation helfen kann."

Der Tod hat kein Namensschild

Von jeder Wohnung macht Plähn vorher und nachher Fotos. Die Wohnung der alten Dame ist nach zwei Tagen Arbeit komplett leergeräumt, der verschmutzte Boden im Badezimmer inklusive des Estrichs herausgenommen. Als letztes reißt Plähn das Namensschild an Klingel und Briefkasten ab. Nichts erinnert mehr an die Frau, die hier mal gelebt hat.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 20.02.2013 | 07:38 Uhr