Stand: 19.02.2016 13:45 Uhr

Sylt Shuttle: Land und Bund haben versagt

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Jörg Jacobsen, Redakteur NDR 1 Welle Nord.

Auf der Bahnstrecke zwischen dem Festland und Sylt ist es voll geworden - zu voll. Mehr Abfahrten sorgen aber nicht für Freude, sondern für Ärger. Züge verspäten sich oder fallen aus, die Schranken an den Bahnübergängen bleiben länger geschlossen, Einheimische und Urlauber sind genervt. Doch niemand will die Verantwortung dafür übernehmen - und niemand sieht sich in der Lage, das kurzfristig zu ändern.

RDC: Teurer und schneller Markteintritt

Keine Frage, entstanden ist das Chaos, weil die amerikanische Railroad Development Corporation (RDC) einen Teil des lukrativen Geschäftes von der Deutschen Bahn übernehmen wollte. Das ist ihr gutes Recht im liberalisierten Eisenbahnmarkt - und verspricht hohe Gewinne. Der Autozug über den Hindenburgdamm nach Sylt gilt als eine der wenigen wirklich lukrativen Verbindungen in Deutschland. Wie viele Millionen Euro die Deutsche Bahn damit verdient, bleibt ihr großes Geheimnis. Der Konzern verschleiert den Gewinn im Konzernergebnis.

RDC war mutig. Personal, spezielle Waggons und gute Anwälte - all das kostet viel Geld. Der Markteintritt ist teuer und musste schnell gehen. Die Firma hatte aber nur wenige Monate Zeit, die gebrauchten Güterwagen umzubauen und zuzulassen. Zum Fahrplanwechsel im Dezember gab es nur einen Prototypen. Die Abnahme vom Eisenbahnbundesamt steht noch aus und wird wohl bis Ostern dauern. Es ist schwer vorstellbar, was passiert wäre, wenn RDC tatsächlich die meisten Trassen gewonnen hätte - ohne die entsprechenden Züge zu haben.

Deutsche Bahn: Mit Geisterzügen gegen die Konkurrenz

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Der Kampf um den Hindenburgdamm

Ein amerikanischer Investor will das Monopol der Deutschen Bahn bei den Autozügen nach Sylt brechen. Das führt zu mehr Verkehr auf der Strecke und vielen Problemen für Pendler und Insulaner. Bildergalerie

Die Deutsche Bahn will ihr Monopol verteidigen - auch das ist verständlich. Sie greift zu radikalen Mitteln und lässt mit dem Sylt Shuttle Plus alte Dieseltriebwagen als Fernverkehrszüge durch Nordfriesland rollen, die niemand braucht und niemand nutzt. Das ist ökologisch und volkswirtschaftlich eine Katastrophe.

Das Land - zuständig für den Nahverkehr - hat sich bei der Vergabe öffentlich nie klar positioniert. Der neue Mitbewerber mit Wurzeln in Pittsburgh (USA) hatte von Anfang an aber kein gutes Standing im Wirtschaftsministerium in Kiel - auch das ist verständlich. Die Deutsche Bahn kennt man dort, die Amerikaner nicht. Jahrelang hat die Bahn zuverlässig Autos zur wichtigsten Urlaubsinsel im Land gebracht, in die Infrastruktur investiert, langfristig Arbeitsplätze geschafft. Und wenn es mal Probleme gab, reichte ein Anruf in Berlin.

Politik in Kiel und Berlin hat versagt

Die Sylter, die Pendler und die Landesregierung haben die drohende Konkurrenz jahrelang ignoriert. Niemand machte sich Gedanken, was passieren könnte, wenn ein zweiter Anbieter einen eigenen Autozug auf die Schienen setzt. Erst jetzt will die Politik handeln und die Schienen nach Sylt zum Sonderfall erklären - ohne Wettbewerb. Die weitgehend eingleisige Strecke, der enge Kopfbahnhof in Westerland und die Versorgungsfunktion der Eisenbahn für die Insel erfordern besondere Regeln - und vor allem einen abgestimmten Fahrplan. Ein Chaos, wie es jetzt droht, lässt die Stimmung bei den ohnehin schon gebeutelten Pendlern kippen, schadet dem Image der Insel und gefährdet auf lange Sicht auch Arbeitsplätze. Reformen können aber erst in acht bis zehn Jahren greifen. Landes- und Bundespolitiker wussten das und haben versagt.

Kurzfristig hilft nur eins: Die Deutsche Bahn und RDC Deutschland müssen sich endlich einigen, müssen beide auf Trassen verzichten. Die Sylter, ihre Gäste und die Pendler vom Festland brauchen einen Fahrplan, der praktisch funktioniert. Sie brauchen keine leeren Geisterzüge und auch keine Autozüge im Halbstundentakt.

Animation der Strecke zur Insel Sylt

Realer Irrsinn: Sylt Shuttle Plus

extra 3 -

Um auf der begehrten Autozug-Verbindung zwischen Niebüll und Westerland auf Sylt einen Konkurrenten von den Gleisen fern zu halten, kam die Bahn auf eine "tolle" Idee.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.02.2016 | 17:00 Uhr