Stand: 04.10.2017 07:14 Uhr

Stormarnerin klagt gegen Studienplatzvergabe

"Na, was willst Du denn mal werden?" Für junge Schulabgänger wahrscheinlich eine der nervigsten Fragen überhaupt, denn schließlich ist die Berufsfrage eine der schwierigsten im Leben. Rund 43.000 Studienbewerber im aktuellen Wintersemester können die Frage nach ihrem Berufswunsch aber schnell beantworten: Sie wollen Arzt, beziehungsweise Ärztin werden. Deswegen bewarben sie sich auf die raren Studienplätze im Fach Humanmedizin. Bundesweit gab es für das Semester 2017/2018 aber nur 9.000 Plätze. Diese gingen zum allergrößten Teil an junge Abiturienten, die eine Abschlussnote von 1,0 haben - alle anderen müssen zum Teil bis zu sieben Jahre warten. Diese Erfahrung musste auch eine junge Schleswig-Holsteinerin machen, die, genauso wie die aktuellen Studienbewerber, immer nur einen Wunsch hatte: Medizin studieren. Ihr Fall beschäftigt seit Mittwoch das Bundesverfassungsgericht.

Das ganze Leben auf Medizin ausgerichtet

Die junge Frau aus dem Kreis Stormarn will aus persönlichen Gründen nicht genannt werden. Sie gab ihrer Anwältin Stefanie Nießen aus Hamburg aber die Erlaubnis, ihre Geschichte zu erzählen. "Die Klägerin war 21 Jahre alt, als sie sich an mich wandte", erzählt die Anwältin. "Sie war recht verzweifelt, weil sie ihr ganzes Leben auf die Medizin ausgerichtet hatte. Von Kind an war es ihr Wunsch gewesen, Ärztin zu werden. Und das, obwohl ihre Eltern nicht Ärzte sind - es war wirklich ihr ganz eigener Wunsch." Stefanie Nießens Mandantin machte im Kreis Stormarn ihr Abitur mit der Abschlussnote 2,0. Direkt im Anschluss einen Studienplatz im Fach Medizin zu bekommen? Ziemlich aussichtslos. Für Anwältin Nießen ein Unding: "Ein Abi von 2,0 ist wirklich auch ein gutes Abitur und ein Arzt braucht eben auch menschliche Qualitäten und selbstverständlich sind diese nicht von der Abiturnote abhängig. Die können bei einem 1,0- oder 2,0-Kandidaten genau gleich sein - oder auch anders."

Klagen gegen fünf Universitäten

Die junge Frau gab ihren Berufswunsch nicht direkt nach dem Abitur auf, sondern machte zunächst eine Ausbildung zur Gesundheits-und Krankenpflegerin. Damit hatte sie schon vier Wartesemester, als sie Nießen in ihrer Hamburger Kanzlei kontaktierte. "Sie war sich nicht zu fein, als Krankenpflegerin zu arbeiten. Sie hat sich gerne um Menschen gekümmert, wollte ihren Traum, Medizin zu studieren, aber nicht aufgeben." Stefanie Nießen setzte auf Wunsch ihrer Mandantin Klagen gegen fünf deutsche Universitäten auf, darunter die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Außerdem klagten Nießen und ihre Mandantin gegen die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) in Dortmund. Die SfH ist für die bundesweite Vergabe der Studienplätze in den Fächern Humanmedizin, Pharmazie sowie Tier-und Zahnmedizin zuständig.

Medizinerin mit Herz und Seele

Während die Klageverfahren am zuständigen Verwaltungsgericht Gelsenkirchen liefen, machte die junge Frau aus dem Kreis Stormarn noch eine Weiterbildung zur Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie - eine Grundlage für Nießens Klage. "Ich konnte darlegen, dass diese junge Frau wirklich Medizinerin mit Herz und Seele ist, obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch keinen Studienplatz hatte. Ich hab mich geweigert, einfach eine Standardklage zu schreiben. Man kann sich normalerweise nur auf die Kapazitäten der Universitäten stützen. Das musste ich ihr sagen, aber ich habe ihr versprochen, dass ich ein bisschen mehr zu ihrer Person schreibe - und das habe ich getan." Und Stefanie Nießen ergänzte mit Nachdruck: "Vielleicht war das auch mit ein Auswahlkriterium, warum das Bundesverfassungsgericht unseren Fall gewählt hat."

Vom Kreis Stormarn über Gelsenkirchen nach Karlsruhe

Bild vergrößern
Anwältin Stefanie Nießen will klären lassen, ob die Studienplatzvergabe im Fach Medizin verfassungswidrig ist.

Geholfen haben die Klagen der jungen Krankenpflegerin nicht. Sie bekam keinen Studienplatz an einer der ausgewählten Universitäten, bedauerte ihre Anwältin: "Für sie selbst war es schon eine Ernüchterung. Sie hat inzwischen einen anderen medizinischen Studiengang gewählt, ist da auch recht glücklich. Ich glaube nach acht bis neun Wartesemestern hat sie dann irgendwann gesagt: 'Ich möchte jetzt schon mein Leben weiter in die Hand nehmen und auch ein Studium beginnen, sonst werde ich irgendwann zu alt.'" Trotzdem blieben die Klagen für Mandantin und Anwältin ein Thema. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen entschied 2012, dass das Vergabeverfahren von Studienplätzen möglicherweise verfassungswidrig sei und legte in einer sogenannten Normenkontrolle das zugrundeliegende Gesetz dem Bundesverfassungsgericht vor, damit dieses die Rechtmäßigkeit prüfe.

Nießens Fall als Vorlage für das Bundesverfassungsgericht

Stefanie Nießen bekam irgendwann einen Anruf aus Gelsenkirchen: "Die sagten mir: 'Frau Nießen, dürfen wir Ihren Rechtsfall dem Bundesverfassungsgericht vorlegen?' Da habe ich meine Mandantin kontaktiert und ein Ja bekommen", erklärt die Anwältin. "Ihr Beispiel zeigt, was für Ungerechtigkeiten entstehen können. Wir sind der Meinung, dass man andere Kriterien auswählen sollte und deswegen hat sie gestattet, ihren Fall auch dem Bundesverfassungsgericht mit vorzulegen, einfach um zukünftigen Studenten helfen zu können." Allerdings betonte Nießen auch, dass einige Universitäten in ihren eigenen Auswahlverfahren mittlerweile nicht mehr nur auf die Noten schauen würden: "Viele verlangen von ihren Studenten ein Essay, wenn sie Medizin an ihrer Universität studieren möchten oder eine Stellungnahme zu ethischen und medizinischen Fragen. Sie machen ein Bewerbungsgespräch mit verschiedenen Professoren und sie sehen insoweit auch, ob dieser Mensch von ganzem Herzen studieren will - was natürlich auch ein schönes Kriterium ist."

Mündliche Verhandlung am Bundesverfassungsgericht: Was kommt?

Der erste Senat beschäftigt sich offiziell mit der Sache 'Numerus clausus zum Studium der Humanmedizin'. Die offene Frage ist: Verstößt das Verfahren zur Studienplatzvergabe gegen die Verfassung? Dazu Anwältin Nießen: "Das Problem liegt in der Berufsfreiheit, die in Artikel 12 Grundgesetz garantiert ist und zudem das Gleichbehandlungsgebot aus Artikel 3 Grundgesetz. Wir haben hier eben eine Stelle, die eine Auswahl trifft, wer was studieren kann. Das ist das Problem." Sollten die Richter in Karlsruhe tatsächlich entscheiden, dass die Studienplatzvergabe nach Numerus Clausus verfassungswidrig ist, müsste ein neues Verfahren durch die Bundesregierung festgelegt werden. Eine abschließende Stellungnahme ist im Anschluss an die mündliche Verhandlung angekündigt, bis es ein endgültiges Urteil gibt, wird es aber wohl noch einige Monate dauern. Die Hamburger Anwältin Stefanie Nießen hofft aber, dass zumindest eine Entscheidung angedeutet werde. Wie diese ihrer Meinung nach aussehen sollte? "Ich erhoffe mir natürlich, dass durch unseren Einsatz und auch die Begründung in unserer Klageschrift, neue Auswahlkriterien festgelegt werden, wie Medizinstudenten ausgewählt werden. Für meine Mandantin kommt diese Änderung möglicherweise zu spät, aber wir wären auf jeden Fall froh, wenn es sich für künftige Generationen auszahlt."

Weitere Informationen
mit Video

Nur mit 1er-Abi zum Medizinstudium?

Wer einen Studienplatz in Medizin will, muss entweder ein Abi mit der Note eins oder sehr viel Geduld haben. Sina Böhme aus Eldena überbrückt die Wartezeit mit Hospizarbeit. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.10.2017 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

03:58

Backhandwerk: Familienbetrieb mit neuem Konzept

17.12.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
03:16

Brandgefahr an Weihnachten: Philipp Jeß im Einsatz

17.12.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
03:57

Weihnachtsmarkt setzt auf bewussteren Konsum

16.12.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin