Stand: 09.05.2017 17:15 Uhr

Schornsteinfeger sorgen für dicke Luft

von Carsten Janz

Sie möchte einen Kamin für ihre Wohnung, hat aber Respekt vor dem Feuer und will sich und ihr Kind nicht gefährden: Jasmin L. aus Kiel wendet sie sich mit ihren Fragen deshalb an den zuständigen Bezirksschornsteinfeger. Welcher Ofen eignet sich für ihre Wohnung? Wie muss der angeschlossen werden? Zunächst berät der Schornsteinfeger sie, doch dann bietet er selbst Anlagen an. Jasmin L. denkt sich nichts dabei und lässt ihn den Ofen später auch einbauen. Doch der Ofen funktioniert nicht, es gibt erhebliche Mängel. "Wir haben dem Schornsteinfeger vertraut", sagt Jasmin L. "Dieses Vertrauen hat er anscheinend ausgenutzt, uns und unser kleines Kind gefährdet."

Holzplatte am Kaminschacht

Ofenbauer Uwe Höft überprüft den Ofen und findet diverse Mängel. Im Keller wurde der Kaminschacht zum Beispiel mit einer Holzplatte verschlossen. "Bei einem Schornsteinbrand hätte das sehr wahrscheinlich dazu geführt, dass die Holzplatte in Brand gerät", so Höft. "Das ganze Mehrfamilienhaus wäre in Gefahr gewesen." Außerdem stand der Ofen neben einer Tür, die beim Aufmachen direkt den Ofen berühren konnte. "Der Lack hatte schon Blasen geworfen", so Höft. Die junge Familie wurde laut Höft einer erheblichen Gefahr ausgesetzt - durch die Arbeit des bevollmächtigten Schornsteinfegers.

Kein Einzelfall

Fehler beim Einbau, zu kurze Schornsteine, falsche Abstände zu Fenstern und Dächern, Holz in Schornsteinschächten - Uwe Höft bekommt solche Rückmeldungen aus dem ganzen Bundesgebiet. Höft ist der Gründer des Verbands der Ofenbauer, freien Schornsteinfeger und freien Schornsteinbauer. Er und seine Kollegen stellen immer häufiger fest, dass viele Schornsteinfeger nebenher auch Öfen verkaufen - und dabei Fehler machen. Darunter leide die Sicherheit, sagt der Ofenbauer. Das alles sei aber nur möglich, weil es vor einigen Jahren eine Gesetzesänderung im Schornsteinfeger-Gesetz gegeben habe.

Nebentätigkeit zugelassen

Seit gut vier Jahren ist es bevollmächtigten Schornsteinfegern erlaubt, eine Nebentätigkeit auszuüben. Wegen der "Lockerung des Kehrmonopols" dürfen nämlich alle zugelassenen Fachbetriebe auch Kehr- und Überprüfungsarbeiten machen. Damit die Bezirksschornsteinfeger Einkommen haben, dürfen auch sie ein weiteres Gewerbe eröffnen. Viele Schornsteinfeger haben aber kein Restaurant oder keine Tischlerei aufgemacht, sondern einen Betrieb, der zum Beispiel Öfen verkauft - naheliegend.

Kuriose Doppelfunktion

Das führt dazu, dass der bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger nicht mehr nur schaut, ob die Heizung ordnungsgemäß funktioniert und der Kaminofen korrekt angeschlossen ist. Er kann den Kunden mittlerweile auch anbieten, gleich selbst den gewünschten Ofen einzubauen. Die nötige Abnahme der Feuerstätte macht er ebenfalls selbst. Er nimmt also seine eigene Arbeit ab. "Das ist so, als ob eine TÜV-Prüfer eine eigene Autowerkstatt hat oder ein Polizist ein eigenes Sicherheitsunternehmen", sagt Ofenbauunternehmer Andreas Döring. Meistens gebe es aber überhaupt keine Abnahme mehr, so Döring.

Dass die bevollmächtigten Schornsteinfeger selbst Öfen einbauen, sei keine Ausnahme. Der Fachverband Sanitär-, Heizungs-, Klima- und Klempnertechnik hat eine bundesweite Umfrage gemacht. Das Ergebnis: 87 Prozent der teilnehmenden Betriebe haben in ihrem Einzugsbereich bevollmächtigte Schornsteinfeger, die eine Nebentätigkeit haben, die sie eigentlich selbst überwachen müssten. "70 Prozent sind es in Schleswig-Holstein", sagt Döring.

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Hoheitliche Aufgaben missbraucht?

Im Fall von Jasmin L. aus Kiel hat Uwe Höft das Ordnungsamt informiert. Die Stadt Kiel teilte dem Schleswig-Holstein Magazin mit, dass der Schornstein seinerzeit laut Schornsteinfeger "keine Mängel" aufwies. Ihre Fotos zeigen das Gegenteil. Der Bezirksschornsteinfeger hat der Familie trotz erheblicher Mängel eine Bescheinigung gegeben, dass er Ofen ordnungsgemäß eingebaut sei. Das ist laut Höft rechtswidrig.

Für Uwe Höfts Verband ist die Doppelfunktion der bevollmächtigten Schornsteinfeger auch eine Verquickung von hoheitlichen Aufgaben und privatwirtschaftlichen Interessen, die strafrechtlich relevant sein könnte. Kundendaten, die die bevollmächtigten Schornsteinfeger eigentlich dafür bekommen, Feuerstätten zu überprüfen, nutzen sie, um gleich einen Ofen zu verkaufen. Das sei für ihn Korruption, sagt Höft. In Paragraph 331 des Strafgesetzbuches steht, dass ein Amtsträger, "der für die Dienstausübung einen Vorteil für sich oder einen Dritten fordert, sich versprechen lässt oder annimmt", mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft wird.

Innung spricht von Einzelfällen

Auf Nachfrage bestätigte die Schornsteinfegerinnung, dass es Fälle von Korruption in Schleswig-Holstein geben könne. Dies seien aber Einzelfälle und kein Problem des Schornsteinfegerhandwerks. Die Frage, warum so viele Schornsteinfeger ein Nebengewerbe im Ofenbau haben, beantwortete der Sprecher der Innung nicht.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.05.2017 | 19:30 Uhr

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