Stand: 24.03.2015 16:55 Uhr

Riskante Geburten wegen Kreißsaal-Schließungen

von Dörte Petsch

Ronja Asmussen hat an ihre Schwangerschaft keine guten Erinnerungen. Sie lebt auf Sylt - und das ist ein Problem, seit die dortige Geburtsstation Ende 2013 dichtgemacht hat. Ronja Asmussen bekam ihre Wehen schon sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin, in regelmäßigen Abständen - sie musste so schnell wie möglich in die nächste Geburtsstation, aufs Festland. Doch der letzte Autozug war weg. Die Sanitäter trugen sie deshalb in ein normales Großraumabteil der Nordostseebahn. Dort lag sie die ganze Überfahrt in den Wehen, inmitten der anderen Fahrgäste. Erst drei Stunden später erreichte sie die Klinik in Flensburg und bekam ein Wehen stillendes Medikament. Für Ronja Asmussen ein dreistündiger Alptraum, der auch anders hätte enden können.

Eine Hebamme in OP Kleidung hält ein Neugeborenes auf dem Arm. © picture-alliance/ dpa Fotograf: Marcus Führer

Riskante Geburten wegen Kreißsaal-Schließungen

Panorama 3 -

Wegen sinkender Geburtenzahlen hat Schleswig-Holstein Geburtsstationen geschlossen - mit fatalen Folgen: So gebar eine Frau ihren Sohn auf dem Seitenstreifen einer Autobahn.

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Immer wieder kritische Situationen

Seitdem die Geburtsstation auf Sylt geschlossen wurde, kommt es immer wieder zu kritischen Situationen. Die Zahl der Rettungshubschraubereinsätze hat sich fast verdoppelt. Ähnlich ist die Situation in Ostholstein: Im August wurde die Geburtsstation in Oldenburg in Holstein geschlossen, mit gravierenden Folgen für die Insel Fehmarn. Die nächsten Geburtsstationen in Eutin und Lübeck sind mit dem Auto in einer knappen Stunde erreichbar - im Ernstfall ein langer Weg.

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Anette Langner, Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, hält Boarding auf dem Festland für eine gute Lösung.

Das Gesundheitsministerium in Schleswig-Holstein hält die Schließung der beiden Geburtsstationen dennoch für die richtige Entscheidung. "Eine qualitativ hochwertige Versorgung und Betreuung schwangerer Frauen wäre in Zukunft nicht mehr sichergestellt gewesen", sagt die Staatssekretärin im Gesundheitsministerium Anette Langner. An beiden Kliniken habe es einfach nicht mehr genug Geburten gegeben.

Boarding als Lösung?

Das Land setzt nun auf eine einfache Lösung: Boarding. Schwangere Frauen sollen zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin eine Unterkunft in der Nähe einer gut ausgestatteten Geburtsstation auf dem Festland beziehen, die Kosten übernimmt die Krankenkasse. "Unser Anspruch ist es, eine qualitativ hochwertige Versorgung für die Schwangeren zu erreichen, und diese Versorgung erreichen wir an den Kliniken, wo es dieses Boarding-Angebot gibt", sagt Staatssekretärin Langner. "Deswegen ist es aus meiner Sicht notwendig, bei allen Frauen dafür zu werben, frühzeitig in dieses Boarding zu gehen."

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Ronja Asmussen war mit vorzeitigen Wehen drei Stunden unterwegs.

Doch Ronja Asmussens Wehen kamen für dieses Konzept zu früh, für sie war nicht gesorgt. Und sie war im vergangenen Jahr nicht die Einzige. Anke Bertrams wundert das nicht. Sie ist Hebamme auf Sylt. Keine Geburt sei wie die andere, eine Geburt lasse sich nicht so einfach planen: "Jede Schwangere kann plötzlich zu einer Risikoschwangeren mit Frühwehen werden, besonders, da die Belastung in der Schwangerschaft sehr groß ist." Die Hebamme erlebt hautnah, wie Schwangere sich auf Sylt neuerdings besondere Sorgen machen. "Die Frauen fragen sich einfach, was gegen Ende ihrer Schwangerschaft sein wird: Wo werden sie entbinden? Und vor allen Dingen: Wie werden sie dort hinkommen?"

Der Rettungsdienst soll's richten

Das Gesundheitsministerium in Kiel ist von seinem Konzept dennoch überzeugt. Für Notfälle verweist Gesundheitsstaatssekretärin Langner auf den Rettungsdienst: "Für den Transport haben wir einen gut ausgebildeten und gut ausgestatteten Rettungsdienst, der dieser Aufgabe nach meiner Einschätzung sehr gut nachkommt."

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Tabea Scheffs hat das Gefühl, dass die Leidtragenden der Schließung der beiden Geburtsstationen die schwangeren Frauen sind.

Was das im Ernstfall bedeutet, das musste Tabea Scheffs am eigenen Leib erfahren. Sie war auf Fehmarn, als die Wehen losgingen. Ein Rettungswagen sollte sie in den Kreißsaal bringen. Nach Oldenburg hätte sie es geschafft, doch da es diese Geburtsstation nicht mehr gibt, musste sie bis nach Lübeck. Die Zeit reichte nicht. Tabea Scheffs gebar ihren Sohn auf dem Seitenstreifen der Autobahn A 1. Die Leidtragenden der Schließung der beiden Geburtsstationen seien die schwangeren Frauen, sagt sie. "Ich habe schon das Gefühl, hier wird etwas auf dem Rücken der Frauen ausgetragen."

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 24.03.2015 | 21:15 Uhr