Stand: 23.02.2016 20:39 Uhr

Rendsburger Tafel: Mehr als nur ein warmes Essen

von Constantin Gill

"Handy aus!" Das ist die einzige Bedingung, die Anke Höft von der Rendsburger Tafel ihren Gästen stellt. Die verteilen sich gerade an die liebevoll gedeckten und mit Blumen aufgepeppten Holztische. Heute gibt es Spinatauflauf zum Mittagessen - für 1,50 Euro. Für den Nachtisch steht Kuchen bereit. Die Tafel ist aber nicht nur eine Essensausgabe, sondern auch ein Treffpunkt für Gespräche und ein Ort für soziale Kontakte - mit herzlichem Empfang. "Viele kenne ich über Jahre, man nennt sich beim Vornamen", sagt Anke Höft.

Mittag bei Frau Höft von der Rendsburger Tafel

Zusammenhalten trotz Armut

Entsprechend gelöst ist die Stimmung. Trotz der Gemeinsamkeit, die alle Gäste hier haben: Sie sind arm. Entweder reicht die Rente nicht oder Schulden sorgen dafür, dass das Geld knapp ist. Ein älterer Herr stellt sich zum Rauchen in den Hinterhof. Er kommt seit sieben Jahren zu Anke Höft. "Wir halten alle gut zusammen hier", sagt er. Weil auch Anke Höft nur geringfügig beschäftigt ist und ihr Verdienst unter der Armutsgrenze liegt, kann sie mit ihren Gästen mitfühlen. "Ich weiß ja, wie sie empfinden. Und aus dem Grund bekommen sie mein Herz", meint Anke Höft. Davon habe sie genug. Von ihren Kunden bekomme sie dafür Dankbarkeit.

Armutsquote in den kreisfreien Städten hoch

Laut Armutsbericht des Paritätischen liegt die Armutsquote in Schleswig-Holstein bei 13,8 Prozent. Im bundesweiten Vergleich ein guter Wert. Nur in Bayern und Baden-Württemberg ist die Quote noch niedriger. Der Paritätische sieht dennoch keinen Grund zum Jubeln: Gerade in kreisfreien Städten und strukturschwachen Regionen liege die Armut über dem Bundesdurchschnitt.

Eine Stunde für die Seele

Die eine Stunde Mittagszeit soll den Kunden Sicherheit geben und sie auf andere Gedanken bringen. Für viele ist es der einzige soziale Kontakt. Manchmal habe man den "draußen" nicht, sagt Anke Höft. Arthur kommt als letzter an den Tisch. Der 23-Jährige wohnt ein Stockwerk weiter oben - in der Notunterkunft für Wohnungslose. "Rausgeflogen" sei er bei seinen Eltern, erzählt er. Erst kam er bei einem Kollegen unter, dann landete er in der Notunterkunft. "Besser als auf der Straße zu leben", ergänzt seine Sitznachbarin. Das Essen kriegt Arthur umsonst.

Eintragen fürs Osteressen

Anke Höft sorgt derweil weiter für gute Stimmung - und erinnert die Gäste: Wer sich noch nicht fürs Osteressen eingetragen habe, solle das doch jetzt tun. "Was kostet das", fragt jemand. "Nichts", antwortet Anke Höft. Dann wird es ruhiger. Nur Teller und Besteck klappern. Anke Höft guckt zufrieden in die Runde. "Wenn man nichts hört, dann merkt man, dass es schmeckt."

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