Stand: 21.04.2017 19:22 Uhr

Prozessbeginn: Mord statt Sexspiele?

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War es heimtückischer Mord? Die Angeklagte will sich vorerst nicht äußern.

Sex war vereinbart - doch am Ende gab es tödliche Stiche: Vor dem Kieler Landgericht hat ein ungewöhnlicher Mordprozess begonnen. Eine 28 Jahre alte Frau muss sich wegen heimtückischen Mordes verantworten. Die Prostituierte steht im Verdacht, einen Steuerberater in dessen Wohnung in Bad Segeberg erstochen zu haben. Die Tat hatte in der Stadt für großes Aufsehen gesorgt. Die Angeklagte werde sich vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern, sagte ihr Anwalt zum Prozessauftakt am Freitag: "Die Verantwortung für den Tod bestreitet sie aber nicht." Sämtliche Umstände sprächen dafür, dass nur sie für die Tat in Frage komme. "Wie es dazu gekommen ist, wird noch aufzuklären sein."

Gefesselt und zugestochen

Opfer und Angeklagte kannten sich offenbar schon länger. Laut Anklage trafen sie sich im Oktober vergangenen Jahres zum Sexspiel. Mit seinem Einverständnis fesselte sie ihm die Hände mit einer Krawatte und verband seine Augen. Dann soll die 28-Jährige unvermittelt ein Küchenmesser geholt und zugestochen haben. Der 30 Jahre ältere Mann konnte zwar noch die Polizei anrufen. Aber Ärzte konnten ihn nicht retten. Er verblutete an zwei Einstichen in Hals und Bauch.

Hatte die Frau einen Blackout?

Die Frau hatte sich nach der Tat in der Küche verschanzt und wurde dort von Beamten mit Pfefferspray außer Gefecht gesetzt und festgenommen. Ein Kripobeamter berichtete vor Gericht von der Vernehmung der Frau. Sie habe von einem Blackout gesprochen, sagte der Ermittler. Nachdem sie bereits allein eine Flasche Sekt getrunken habe, will sie mit dem späteren Opfer eine weitere Flasche geleert und auch noch Weißwein getrunken haben. Streit habe es dabei laut ihrer Aussage nicht gegeben. "Wir hatten den Eindruck, es war doch ein etwas innigeres Verhältnis", sagte der Polizist. Sie selbst habe gar von einer "Affäre" gesprochen.

Später habe sie den nackt auf dem Bett liegenden Mann fesseln sollen. Dann habe sie Erinnerungslücken. Ihre nächste Sequenz sei demnach gewesen: Der Mann habe sie vor dem Bett gewürgt.

Zweite Version der Geschichte in Klinik

Bei einer Untersuchung im Krankenhaus erzählte die Frau eine andere Version der tödlichen Geschichte. Einer Ärztin berichtete die Angeklagte laut Aussage eines Polizisten, der bei dem Gespräch dabei war, das spätere Opfer habe sie seinen Freunden zum Sex angeboten und 8.000 Euro für Immobilien von ihr verlangt. Da habe sie nicht mehr gekonnt. "Sie gab an, von dem Täter in der Vergangenheit verprügelt und gefesselt worden zu sein", sagte der Beamte. Zudem sei sie vergewaltigt worden. Sie habe der Welt einen Gefallen getan, dem Mann "hoffentlich ins Herz gestochen", habe die Frau gesagt, und auch von einem "anderen Ich" berichtet.

Medikamente wegen psychischer Probleme

Eine wichtige Rolle spielen in dem Verfahren die psychischen Probleme der Angeklagten. Ihre beiden Schwestern schilderten ihre Gefühlsschwankungen, Ritzen und Suizidversuche. Die Angeklagte habe davon gesprochen, schizophren zu sein, sagte eine Schwester. Alkohol sei der Auslöser für Gemütsveränderungen gewesen. Dann habe sie auch "Gewalt gegen sich und andere" verübt. Mehrfach sei sie deshalb in Behandlung gewesen, habe auch Psychopharmaka genommen. "So wirklich geholfen hat aber keine der Therapien, die sie gemacht hat", sagte die andere Schwester. Beide beschrieben sie als intelligent, mitfühlend und nachdenklich.

Betreuerin berichtet von Suizidversuch

Eine Betreuerin berichtete vor Gericht von einem Suizidversuch der Frau wenige Wochen vor der Tat. Ein psychiatrischer Sachverständiger soll den Zustand der ursprünglich aus Görlitz stammenden Frau untersuchen. Sein Gutachten wird auf Antrag der Verteidigung allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Verteidiger der Frau bezweifelt, dass sich der Mordvorwurf aufrechterhalten lässt. Das Urteil könnte bereits Ende kommender Woche verkündet werden.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.04.2017 | 13:00 Uhr

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