Stand: 06.02.2016 11:07 Uhr

Pottwal-Bergung abgeschlossen

In der Nacht zu Sonnabend sind die letzten beiden von insgesamt zehn im Wattenmeer verendeten Pottwale in den Hafen von Meldorf (Kreis Dithmarschen) gebracht worden. Eins der Tiere drohte nach Angaben der Nationalparkverwaltung aufgrund von Faulgasen zu platzen. Der Kadaver wurde direkt in eine Tierkörperverwertungsanstalt gebracht. Inzwischen suchen im Meldorfer Speicherkoog Tierärzte und Wissenschaftler weiter nach der Ursache des größten bekannten Pottwalsterbens in der Nordsee. Dafür sezieren sie die Walkadaver aus dem Watt vor Kaiser-Wilhelm-Koog.

28 tote Wale innerhalb weniger Wochen

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Die Fundorte der Pottwale an der Nordseeküste.

Um die Tiere schneller zerlegen zu können, haben die Forscher ein langes Messer an einen Bagger montiert. Neben den acht vor Kaiser-Wilhelm-Koog geborgenen Kadavern sind noch zwei weitere tote Jungbullen dazu gekommen. Ein Tier entdeckte ein Seehundjäger auf dem Blauortsand, einige Kilometer nordwestlich vor Büsum. Auf dem Weg dorthin sichtete die Besatzung eines Schiffes des Wasser- und Schifffahrtsamtes am Mittwoch weiter draußen einen weiteren Kadaver auf einer Sandbank. Sage und schreibe 28 Tiere sind in diesem Jahr in England, den Niederlanden und Deutschland tot geborgen worden. Zumindest einige sind lebend gestrandet, haben noch geatmet.

Greenpeace: Ist Unterwasserlärm ein Grund?

Warum sind sie aus dem Nordatlantik in die für sie viel zu flache Nordsee geschwommen? "Wir wissen letztlich nicht, warum die Wale auf ihrem Weg nach Süden falsch abgebogen sind - ein möglicher Grund ist der zunehmende Unterwasserlärm", sagte Lisa Maria Otte von Greenpeace. Es sei dringend erforderlich, die Ursachen zu klären und sie möglichst zu beseitigen, damit sich diese traurigen Ereignisse nicht wiederholten, so Otte weiter.

Ursachenforschung: Warum sterben so viele Wale?

Forscher: Sonnenaktivität könnte Erdmagnetfeld verändert haben

Eine andere Theorie ist, dass eine verstärkte Sonnenaktivität hin und wieder das Erdmagnetfeld so verändert, dass die Wale Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren. Ein Team um den Kieler Forscher Klaus Vanselow hatte die Strandungen der Wale zwischen 1712 und 2003 mit den Daten zur Sonnenaktivität verglichen und dabei einen möglichen Zusammenhang entdeckt.

Oder war es nur jugendlicher Leichtsinn?

Der Tierarzt und Walexperte Jan Herrmann aus Wittmund hält es auch für möglich, dass die Strandungen Folgen von einer fatalen Fehlentscheidung der jungen Wale waren. "Während die älteren Tiere sehr zielstrebig Richtung Äquator schwimmen, um sich dort zu paaren, haben die Jungbullen mehr Zeit", sagte er im Interview mit NDR.de. Man gehe davon aus, dass die Tiere ein wenig umher vagabundierten, die Gegend erkundeten, unterwegs seien, sagt er. "In ihrem jugendlichen Leichtsinn kann es vorkommen, dass sie die falsche Abbiegung nehmen", erklärte Hermann. Die Weibchen hingegen bleiben bei den Jungtieren.

Skelette werden nach Stralsund gebracht

Für die Skelette der gefundenen Tiere liegen laut Landesbetrieb Küstenschutz mehrere Anfragen vor - unter anderem von den Universitäten Hannover und Rostock und vom Meeresmuseum Stralsund. Experten aus Stralsund beteiligen sich auch an der Ursachenforschung des Pottwalsterbens. Sie werden zusammen mit Kollegen aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen Organproben entnehmen und die Tierkadaver sezieren. Der Landesbetrieb Küstenschutz geht davon aus, dass die Helfer noch bis zur kommenden Woche dafür brauchen. "Die Bewältigung dieser Aufgabe ist ein Kraftakt", sagte Detlef Hansen vom Nationalparkamt. Die Knochen werden anschließend in einem speziellen Verfahren über mehrere Wochen von Blut und Geweberesten befreit und entfettet.

Nationalpark-Ranger beantworten Fragen

Am Wochenende haben Wal-Interessierte die Gelegenheit, sich im Speicherkoog einen Wal aus der Nähe anzusehen. Untersucht werden die Kadaver auf der sogenannten Plattform 2 südlich des Meldorfer Hafens im Speicherkoog. Dort sind auch Nationalpark-Ranger im Einsatz, um Fragen zu beantworten. Der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz bittet alle Interessierten, den Parkplatz am Helmsand zu nutzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.02.2016 | 11:00 Uhr