Stand: 11.08.2017 15:30 Uhr

Plattfoot in SH: Ich glaube, hier ist zu Hause

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben und finden kann man sie am besten bei den Menschen Schleswig-Holsteins: NDR 1 Welle Nord Reporter Helge Albrecht macht sich auf eine Tour durchs Land, mit Zelt auf dem Rücken und ausgestrecktem Daumen an der Hand. Wen er kennenlernt und was er erlebt, erzählt er in unserer Wochenserie.

von Helge Albrecht

Tag 5: Zurück dorthin, wo es losging

Der letzte Tag meiner Reise ist soeben angebrochen und sogleich frage ich mich, ob es wirklich der letzte ist. Ich könnte versuchen, nach Kiel zurückzutrampen - dorthin, von wo ich am Montagmorgen zu meiner Schleswig-Holstein-Reise aufgebrochen bin. Aber will ich das überhaupt? Außerdem ist eine ganz andere Frage, ob ich es überhaupt bis dorthin schaffe.

Es wäre das erste Mal, dass ich ein konkretes Ziel auf dieser Reise habe. Vielleicht funktioniert das gar nicht. Vielleicht kann man sich nur mitnehmen lassen, treiben lassen an Orte, die fremdbestimmt sind. Vielleicht bleibe ich also noch mindestens eine weitere Nacht bei Menschen, die mir ihre Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit entgegenwerfen, mir ihre Lieblingsstelle vor der Haustür zeigen.

Tag 5: Kurs auf Zuhause!

Eine Brücke, ein Ziel

So wie hier bei Familie Kumke in Süderbrarup (Kreis Schleswig-Flensburg), bei der ich nun eben jene Haustür verlasse. Wenn ich nach Kiel zurück will, dann reise ich von Angeln aus durch Schwansen. Gut möglich, dass mich dort ein Stopp überfällt, den ich nicht ablehnen kann. Gastgeber Jan Kumke empfiehlt mir, es über die Klappbrücke in Lindaunis zu versuchen. Eine unheimlich schöne Ecke! Das hatten natürlich die Touris auch längst mitbekommen, aber ich bin ja jetzt auch so einer.

Lobet den Daumen!

In Brebel stelle ich mich an die Kreuzung und halte meinen Daumen in die Luft. Dass der noch nicht abgefallen ist, wundert mich. Nach all der Zeit, all den Strapazen. 14 verschiedene Leute haben mich in ihren Autos bis hierhin gebracht, aber gefühlte 14.000 Mal habe ich es versucht, mitgenommen zu werden. Der Daumen, mein guter Freund und Helfer.

Einmal ein Fernsehstar

Mit einem roten VW-Bus komme ich bis Lindau und wandere von dort aus nur noch ein kleines Stück an der wunderschönen Schlei entlang, vorbei an Booten, Anglern und Urlaubern mit Fischbrötchen, zur Klappbrücke. An einem Grundstück kurz davor störe ich eine ältere Dame beim Harken. Ich verlange eine Lagebesprechung für mein weiteres Vorhaben, nach Kiel zu reisen, und eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten. "Ach, se sünd doch de junge Plattschnacker! Jo, se heff ik güstern in’t Fernsehen seehn. Na, un nu wött se weeten woans se na Huus koomt, wa?"

Ja! Jüst so! Das Schleswig-Holstein Magazin hat am Abend zuvor einen Beitrag über meinen experimentellen Urlaub gesendet. Ruhm und Ehre! Es kommt mir also doch noch zugute, dass ich einen Tag lang das ohnehin schon mühselige Vorankommen mit drei weiteren Leuten und Kamera im Gepäck versuchen musste. Nach Kiel solle ich es aber noch schaffen können, sagt mir die Harkendame.

Fru maak de Döör op, de platte Foot will rin!

Während ich mich mit der Frau unterhalte, klappt die Lindaunisbrücke nach oben. Nun fahren die Schiffe, die Autos müssen warten. Als Ortsansässige riecht sie meine Chance: "Nu gau! Loopen se doch eenfach hen na de Audos un rieten se de Döör op, denn kött se nafragen. Nu is de Brüch noch baven, dor kött de nich wegfohrn. Wenn de plietsch sünd, warrn se uk mitnahmen."

Ich bin verwundert. Einfach so dreist die Tür aufreißen? Bei den gefangenen Autofahrern? Das kann ich doch nicht machen! Andererseits sollte man meiner Meinung nach dem Schlag Mensch hier oben bedingungslos vertrauen. Die Frau winkt mich in Richtung Brücke und ich laufe los.

You may say I’m a dreamer

Die ersten zwei Autos der Schlange passiere ich, ohne den Türgriff auch nur anzusehen. Das liegt jedoch nicht an meiner Scheu - ich werde der Frau gehorchen! - sondern daran, dass ich mir auf dem letzten Rest noch einen echten Traum erfüllen will. Ich halte vor dem Objekt meiner Begierde: einem Trecker. Ich blicke nach oben, möchte die Tür dreist aufreißen - doch komme nicht ran, dammig! Der Fahrer hat mich schon auf dem Kieker und lugt aus der Heckklappe. "Kann ik mitfohrn?", frage ich dann doch brav. "Kloor!", sagt Marvin Eisenhauer lässig aus seinem Trecker. Ja! Treckerfahren! Endlich! Das habe ich meine gesamte Reise schon versucht, doch nie hat es geklappt. Marvin klettert aus seinem Sitz und hängt meinen schweren Rucksack an den Ernteanhänger. Ob das hält? "Wir fahren ja nicht so schnell", beschwichtigt er meinen besorgten Blick.

Über die Brücke in Lindaunis zu fahren, ist ein Erlebnis an sich. Per Anhalter oder in einem Trecker zu fahren auch. Alles zusammen jedoch tackert ein dickes Grinsen in mein Gesicht, das sich auch nach dem Herausschälen aus der engen Fahrerkabine in Rieseby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) nicht verliert.

Es geht auch andersherum

Mit einer sehr netten Unterhaltung geht die nächste Fahrt von dort weiter nach Gettorf. Diesmal bedankt sich mein Fahrer Günter Strefner fast mehr bei mir als ich bei ihm. Eine tolle Erfahrung sei die Fahrt mit mir gewesen. Er sei begeistert von der Idee, sich durch das Land treibenzulassen, sagt der Rentner. Am liebsten wolle er das selbst auch mal ausprobieren. Ich wünsche ihm, dass er es tut, wenn ihn die schleswig-holsteinische Reiselust packt und er sich die Zeit dafür nimmt. Wirklich!

In Gettorf haben sie das Per-Anhalter-Fahren längst in den Alltag integriert. An der Mitfahrerbank am Ortsausgang bekomme ich direkt einige Angebote, die zunächst jedoch alle nach Osdorf wollen. Kurz bevor der erste Regen meiner Tour einsetzt - welch Wunder überhaupt - werde ich, die Regenjacke schon im Anschlag, doch noch nach Kiel gefahren. Verrückterweise genau zu dem Punkt, an dem ich am Montagvormittag das erste Mal meinen Daumen für meine Reise ins Ungewisse ausstreckte.

Es hat sich gelohnt

Nach gut 500 planlosen Kilometern über Land und Dörp durfte ich mit verschiedensten Menschen in Schleswig-Holstein fünf Tage voller wunderschöner Momente genießen. Auch wenn es zwischendurch immer mal wieder Zeitpunkte der Entmutigung und Erschöpfung gab, ich ans Umdrehen dachte, nicht weitermachen wollte, hat mich jeder Tag am Ende überglücklich in meinen Schlafsack krabbeln lassen.

Ich habe mit Leuten geschnackt und Zeit verbracht, die mir wildfremd so herzlich begegnet sind. Die mich mitgenommen haben zu den tollen Orten, die sie lieben, die auch für mich eigentlich so nah sind und ich doch nie da war. Ich bin unbefangen mit plattdüütschem Schnack vorangegangen und wurde eingeladen, ob ebenfalls op platt, hochdeutsch oder dänisch. Diese Menschen haben mir gezeigt, dass man keine Angst haben muss vor dem Ziellosen. Dass sich das Fallenlassen hier lohnt, weil man sich sicher sein kann, dass jemand kommt, einen auffängt - und an seinem Glück zwischen den Meeren teilhaben lässt.

Weitere Informationen

Per Anhalter durch SH: Das Reisetagebuch

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NDR 1 Welle Nord

Reporter Helge Albrecht hat Flugticket gegen Pappschild getauscht und ist per Anhalter fünf Tage durch Schleswig-Holstein gereist - ein Trip mit vielen tollen Menschen und Orten. mehr

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"Vun't Trampen"

25.07.2016 10:43 Uhr
NDR 1 Welle Nord

Wann haben sie den letzten Tramper mitgenommen ? Lange her , oder ? Unser Autor kennt es noch, das ultimative Gefühl Freiheit! Audio (01:43 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 10.08.2017 | 21:05 Uhr

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