Stand: 19.09.2016 13:53 Uhr  | Archiv

Öko-Siegel MSC trotz drohender Überfischung

von Nils Naber

Wer in einem Supermarkt Fisch kaufen will, findet auf der Verpackung vermehrt ein kleines blaues Siegel. Darauf steht "zertifizierte nachhaltige Fischerei MSC". Die Abkürzung MSC ("Marine Stewardship Council") steht für eine internationale Organisation, die Fischereibetriebe auszeichnet, die nach den Kriterien des MSC nachhaltig Fische fangen. Gegründet wurde MSC 1997 vom Nahrungsmittelkonzern Unilever und der Umweltschutzorganisation WWF. Oberstes Ziel des MSC ist die Fischbestände weltweit zu schonen. Der Kunde im Supermarkt soll den MSC-Fisch mit gutem Gewissen kaufen können.

MSC-Siegel auf einer Packung mit frischem Lachs © dpa - Bildfunk Fotograf: Jan Woitas

Öko-Siegel MSC trotz drohender Überfischung

Panorama 3 -

Eigentlich soll das MSC-Siegel für den Verbraucher Fisch kennzeichnen, der nachhaltig gefangen wurde. Doch genau das trifft auf einige Bestände nicht zu.

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MSC ist es gelungen, innerhalb von wenigen Jahren einen Großteil der in Deutschland verkauften Fischprodukte mit dem Siegel auszustatten. 2008 waren laut MSC gerade mal 29 MSC-Siegelprodukte hierzulande im Handel, 2015 waren es schon 3.823. Das entspricht einer mittleren Steigerung von fast 1.800 Prozent. In keinem anderen Land ist MSC mit Abstand so erfolgreich, wie in Deutschland.

Nachhaltige Fischerei?

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Laut Rainer Froese, Meeresbiologe vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, übersteigt der Fischereidruck den maximalen nachhaltigen Wert.

Rainer Froese, Meeresbiologe vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) in Kiel, steht dem Siegel seit Jahren kritisch gegenüber. Zusammen mit einigen Kollegen hat er gerade einige Bestände im Nordostatlantik unter die Lupe genommen, die von MSC-zertifizierten Fischereibetrieben genutzt werden. Die Ergebnisse sind aus seiner Sicht ernüchternd: "Das MSC Siegel verspricht nachhaltige Fischerei, vorbildliche Fischerei, sodass man diese Produkte guten Gewissens essen kann. Und das trifft leider für einige der Bestände nicht zu." Einige würden stärker befischt, als es der Bestand dauerhaft verkraften könne. "Der Fischereidruck liegt hier über dem maximalen nachhaltigen Wert", meint Froese. Er stützt sich dabei auf Erfassungen des "Internationalen Rats für Meeresforschung" (ICES). Froese verweist unter anderem auf den Makrelenbestand im Nordostatlantik, aus dem seit Jahren zu viele Fische entnommen werden. Dennoch darf er von MSC-zertifizierten Fischereien genutzt werden. Das Siegel wurde erst im Mai dieses Jahres erneut vergeben.  

Es kann Jahre dauern, bis ein überfischter Bestand sich erholt

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Anreize für die Fischerei schaffen, damit sie nachhaltig wirtschaftet will Christopher Zimmermann, Mitglied des technischen Beirats des MSC.

Christopher Zimmermann, Mitglied des technischen Beirats des MSC, kann der Kritik von Rainer Froese und seinen Kollegen wenig abgewinnen. Es könne vorkommen, dass in einem Bestand, der von einer MSC-Fischerei genutzt werde, der "Fischereidruck in einem einzelnen Jahr zu hoch ist". Das wäre aber "in Ordnung, solange nur eine langfristige, unterschriebene und funktionsfähige Strategie besteht, um die Bestände wieder in den grünen Bereich zu entwickeln." In den Augen von Christopher Zimmermann, hauptberuflich Leiter des staatlichen Instituts für Ostseefischerei, spricht nichts dagegen, Fischereibetriebe mit dem MSC-Siegel auszustatten, die zu stark befischte Bestände nutzen. "Wir wollen Anreize für die Fischerei schaffen, damit die ein Eigeninteresse haben, nachhaltig zu wirtschaften. Dass heißt, den Fischereidruck zu senken. Sie können nur zertifiziert werden, wenn sie nachgewiesen haben, dass sie in der Lage sind, den Fischereidruck zu senken und positive Ansätze erkennbar sind." Diese gelte im Besonderen auch für den Makrelenbestand im Nordostatlantik.

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Dieses Anreizsystem ist aus der Sicht von Christopher Zimmermann sogar der Kern der MSC-Zertifizierung. "Das könnte man nicht erreichen, wenn man immer nur die Gold-Standard-Fischereien zertifizieren würde, also wenn es überhaupt keinen Zweifel darüber gibt, dass die Fischerei vorbildlich operiert." Bis ein überfischter Bestand sich erholt, könnte es unter Umständen dann allerdings einige Jahre dauern. Das Siegel hat der Fischer in dieser Zeit aber schon sicher, seine Produkte gelten als nachhaltig. Sollte nach einigen Jahren festgestellt werden, dass der Bestand sich doch nicht erhole "führt das unmittelbar zum Entzug des Siegels", meint Zimmermann.

"Für ein Ökolabel nicht akzeptabel"

Für Rainer Froese dauert das alles viel zu lange. Alleine die Tatsache, dass Bestände laut MSC-Regeln zu stark befischt werden können, findet er problematisch: "Das ist für ein Ökolabel nicht akzeptabel." Der Wissenschaftler verlangt von MSC nun eine Verschärfung seiner Regeln. Wenn ein Bestand in Überfischung sei, "muss sofort die Zertifizierung ausgesetzt werden", bis dieser wieder nachhaltig befischt werde, findet er. Aus der Sicht von Christopher Zimmermann würde so das Siegel gar nicht mehr funktionieren. "Wenn man nur die zwei Prozent Gold-Standard-Fischereien zertifizieren würde, dann wäre man auf dem Markt nicht sichtbar." Im Ergebnis würde das dazu führen, dass sich kein Fischer um das Siegel bemühen würde, fürchtet er.

Thilo Maack, Fischereiexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace findet es dem Verbraucher "schwer zu vermitteln, dass es MSC-Produkte gibt, die ihr Siegel verdienen und solche, die ihr Siegel nicht verdienen", weil beispielsweise der Bestand in einem schlechten Zustand ist. "Eigentlich kann man sagen, der Verbraucher wird da zumindest ein Stück weit in die falsche Richtung geschickt."

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 20.09.2016 | 21:15 Uhr

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