Stand: 31.08.2015 08:00 Uhr

Spurensuche: Die XXL-Stromleitung nach Norwegen

von Sebastian Baak

Tonstad, Südnorwegen. Die kleine Gemeinde ist nicht gerade der Nabel der Welt. Knapp drei Stunden dauert es, um den 900-Seelen-Ort vom Fährhafen Kristansand aus zu erreichen. Die Gemeinde liegt recht malerisch am Ufer des Sees Sirdalsvatnet, umgeben von hohen steilen Berghängen. Hier entsteht der wichtigste Knoten für den Austausch erneuerbarer Energien in Nordeuropa. In einigen Jahren soll das NordLink-Stromkabel aus Schleswig-Holstein in dieser Region an das norwegische Stromnetz gekoppelt werden. Doch noch ist nichts zu sehen.

Viel Platz für Norwegens NordLink-Steckdose

Nordeuropas größtes Energieprojekt entsteht auf einem Hochplateau

In engen Serpentinen geht es weiter den Berg hoch - dort, wo die Baustelle sein soll. Viele Wartebuchten zieren den Weg. Die Straße ist eng. Pkws passen so gerade aneinander vorbei, bei Lastern heißt es vermutlich: warten. Heute gibt es keinen Engpass. Die alte Straße ist wie leer gefegt. Das wird sicher bald anders sein. Nach rund 15 Minuten kurvenreicher Fahrt ist die Baustelle erreicht - auf einem Hochplateau, gut 400 Meter über Tonstad. Hier kommt nicht nur ein Kabel an. Der norwegische Netzbetreiber Statnett nimmt das Projekt zum Anlass, um das Stromnetz im Süden des Landes komplett umzukrempeln. Das Ziel: Tonstad soll eines der wichtigsten Zentren der landesweiten Stromversorgung werden.

Viele Sprengungen am Ertsmyra nötig

Interview

Erste direkte Stromtrasse zwischen Deutschland und Norwegen

Das Milliarden-Projekt NordLink soll die Strommärkte Norwegens und Deutschlands verbinden. NDR.de hat mit Christer Gilje vom norwegischen Netzbetreiber Statnett gesprochen. mehr

Eine riesige Wunde klafft am Berg. Ein halber Wald wurde am Ertsmyra, dem Ertsmoor, gerodet. Jetzt sind dort Dutzende Baumaschinen im Einsatz. "Wir werden insgesamt 300.000 Kubikmeter Fels wegsprengen müssen, um die nötige Baufläche zu schaffen", sagt Statnett-Sprecher Christer Gilje. Zusätzlich müssen eine 250.000 Kubikmeter Sand und Geröll bewegt werden - zusammen wären das mehr als 20.000 Lkw-Ladungen. Das Material wird jedoch nicht abtransportiert, sondern wiederverwendet. Steinbrecher zerbröseln die Felsbrocken zu handlichen Stücken. Mit Planierraupen bereiten Arbeiter den künftigen Baugrund vor. Bis Ende es Jahres soll alles fertig sein, damit die Arbeiten für den Hochbau beginnen können.

Tonstad spielt eine zentrale Rolle

120.000 Quadratmeter ist das Gelände groß. Herzstück der "Ertsmyra Trafostasjon" ist eine Konverterstation, sozusagen die Steckdose für das Kabel. Hier wird der Strom aus Deutschland von Gleichstrom in Wechselstrom umgewandelt - beziehungsweise andersherum, wenn Strom aus Norwegen nach Deutschland geliefert wird. "Dieses wechselseitige System ist der Grund für die annähernd zwei Milliarden Euro, die wir mit unseren Partnern investieren", erklärt Statnett-Sprecher Gilje.

Die Stromnetze in Norwegen und Deutschland wachsen zusammen: Produzieren die Offshore-Windkraftparks in Deutschland viel Strom, wird der Überschuss direkt in das norwegische Stromnetz gespeist. Die Wasserkraftwerke in Norwegen fahren dann runter und sparen Wasser in ihren Stauseen. Herrscht Flaute auf Nord- und Ostsee, produzieren die Wasserkraftwerke im Norden mehr Energie als lokal benötigt wird. Der Überschuss fließt dann nach Deutschland. Die Gemeinde Tonstad spielt dabei eine zentrale Rolle.

Energie aus dem Berg

In den Berg gebaut liegt in Tonstad Norwegens produktivstes Wasserkraftwerk: Fünf Turbinen erzeugen dort im Jahresschnitt 3.650 Gigawattstunden Strom, so viel wie kein anderes. "Diese Verbindung macht das NordLink-Kabel zu einem grünem Kabel", sagt Matthias Fischer von Stromnetzbetreiber Tennet. Das Unternehmen ist neben der KfW-Bank der deutsche Partner des NordLink-Projektes. "NordLink ermöglicht den Austausch von Energie zwischen zwei sich ergänzenden Energiesystemen. Auf der einen Seite steht dabei die steigende Menge an in Deutschland erzeugtem Wind- und Solarstrom, auf der anderen Seite die Erzeugung von Energie aus Wasserkraft in Norwegen", so Fischer. NordLink habe eine europäische Dimension und komme Nordwesteuropa zugute.

Karte: Stromleitung NordLink zwischen Deutschland und Norwegen

Inbetriebnahme für 2019 geplant

Während in Norwegen mit Hochdruck gearbeitet wird, geht es an Schleswig-Holsteins Westküste noch eher beschaulich zu. Erst im Frühjahr sollen hier die Arbeiten starten. In Büsum (Kreis Dithmarschen) kommt das 623 Kilometer lange Seekabel an Land - und verschwindet auch gleich wieder. Als Erdkabel wird es weiter bis nach Wilster (Kreis Steinburg) verlegt. Dort gibt es bereits ein existierendes Umspannwerk. In direkter Nachbarschaft bauen Fachkräfte dann die deutsche Konverterstation. Geplant ist, dass es im Frühjahr 2016 losgeht. Ab 2019 soll der Strom zwischen Norwegen und Deutschland fließen.

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