Stand: 18.03.2015 16:55 Uhr

Nach der Flucht kommt das Trauma

Als das Schlimmste überstanden war, wollte Abdelahmad Hosseini sterben. Der 33-Jährige kam vor zwei Jahren aus Afghanistan mit seiner Familie nach Deutschland. Die Flucht über den Iran, die Türkei, in einem Boot nach Italien und schließlich nach Deutschland hat Narben bei ihm hinterlassen. Fast hätte er seine Tochter dabei verloren. In Kiel ging Abdelahmad Hosseini zum Sprachunterricht, wollte mit seiner Familie ein normales Leben führen, ohne Lebensgefahr. Doch dann kamen Schlafstörungen, Albträume, Depressionen.

Therapeut half aus der Krise

Bekannte sagten ihm: "Mit Dir stimmt etwas nicht. Such Dir Hilfe!" Hosseini spricht offen mit uns über diese Probleme. Freundlich, fast gelassen. Sein Therapeut Hajo Engbers erinnert sich: "Herr Hosseini kam in einer Krisensituation zu mir." Er sei selbstmordgefährdet gewesen und habe keine Perspektive mehr gesehen. "Jetzt ist die Krise überstanden", meint der Therapeut. Er betreut Flüchtlinge im Rahmen eines Projektes beim Paritätischen in Schleswig-Holstein. Nachdem die EU ihre Förderung dafür gestrichen hat, ist das Land eingesprungen. 190 Therapieplätze gibt es. Ein Tropfen auf den heißen Stein, findet Engbers. Er schätzt, dass 25 bis 40 Prozent aller Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, traumatisiert sind.

Gespräche sind wichtig

Allein in Schleswig-Holstein rechnet Ministerpräsident Albig in diesem Jahr mit bis zu 20.000 neuen Flüchtlingen. Doch was passiert mit denen, die nicht im Projekt des Paritätischen unterkommen? In der Regel würden Flüchtlinge mit solchen Problemen in Kliniken behandelt oder bekämen Medikamente, berichtet Hajo Engbers. Er findet jedoch, dass das der falsche Weg ist. "Die Fachgesellschaft Psychotraumatologie sagt, eine rein psychiatrische, medikamentöse und auch rein stationäre Behandlung ist nicht ausreichend", so Engbers. Und die Kosten seien langfristig auch höher.

Ambulante Therapie für Flüchtlinge nicht vorgesehen

Doch die Hürden für eine ambulante Psychotherapie sind hoch: Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht eine solche Behandlung für Flüchtlinge nicht vor. Es sei denn, ein Facharzt stellt fest, dass...

"...die Maßnahme zur Sicherung der Gesundheit des leistungsberechtigten Flüchtlings unerlässlich ist, die Aufnahme der psychotherapeutischen Behandlung auch im Hinblick auf die voraussichtliche Dauer des weiteren Aufenthalts sachgerecht und durchführbar ist, und keine gleichwertigen, kostengünstigen Behandlungsmaßnahmen zur Verfügung stehen."

So steht es in einem Erlass des Innenministeriums, den die Kommunen umsetzen. Aber wer entscheidet, was "unerlässlich" und "sachgerecht" ist? Die Formulierung scheint in den Ämtern unterschiedliche Auslegungen zuzulassen: Therapeut Hajo Engbers hat die Erfahrung gemacht, dass manche Kommunen eine Psychotherapie genehmigen, andere grundsätzlich nicht.

Gesundheitskarte könnte helfen

In jedem Fall ist der Aufwand hoch – denn Flüchtlinge haben keine Gesundheitskarte und müssen sich alle Behandlungen beim Amt genehmigen lassen. Viel Bürokratie, auch für die Kommunen. Zwar ist eine Gesundheitskarte geplant - aber auch damit werde der Leistungskatalog der gleiche bleiben, sagt der Landkreistag. Sprich: Nicht mehr Therapien für Flüchtlinge. Aber selbst wenn eine Therapie genehmigt wird, ist unklar, wer den Dolmetscher bezahlt. Manchmal zahlt das Sozialamt – aber nicht immer.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.03.2015 | 17:00 Uhr