Stand: 01.12.2015 15:32 Uhr

Nach der Flucht Ruhe auf der Hallig

von Sebastian Parzanny

Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Von einem kleinen Ort bei Kabul über die Türkei und Griechenland bis auf die Hallig Hooge sind sie gekommen: Sechs Flüchtlinge, die seit Dienstag mitten im Wattenmeer leben. Mirraig Faizi, Nadra Mihil und ihre vier Kinder Hatr, Iland, Ilham und Mohamed haben eine Wohnung auf der Hanswarft bezogen.

Übersetzen zum neuen Zuhause

Ungewohnte Ruhe

In der 90-Quadratmeter-Wohnung, die die Familie bewohnt, ist gut was los. Die Kinder toben durch den Flur, die Mutter lässt sich von einer Mitarbeiterin der Gemeinde Hooge Herd und Backhofen erklären, Vater Mirraig Faizi wirft einen ersten Blick aus dem Fenster des Wohnzimmers auf die Weite des Wattenmeeres: "Diese Ruhe ist noch ganz ungewohnt. Die Luft ist gut hier. Wir sind  sehr dankbar, dass wir von den Menschen hier so nett und freundlich aufgenommen wurden und nun hier leben dürfen. Wir sind so froh, hier in Frieden zu leben", sagt er.

Hauptsache in Sicherheit

Die Familie war am Morgen von Hallig-Pastorin Gertrud von Holt-Schermoni auf ihrer Überfahrt begleitet worden. Zuvor hatten die Eltern und ihre vier Kinder einige Tage in einer Unterkunft des Roten Kreuzes in Niebüll verbracht. "Wo sie vorher gelebt haben, wissen wir nicht, auch die Geschichte ihrer Flucht kennen wir nicht", sagt sie. Bevor die Fähre ablegt, werden zahlreiche Plastikbeutel auf einen Wagen geladen, das einzige Hab und Gut der Familie. Auf der Fähre kommt die Pastorin schnell mit den Eltern ins Gespräch - mit Händen und Füßen. Mithilfe eines Wörterbuches und einer Karte versucht sie zu erklären, wohin die Reise geht. Als klar wird, dass es auf eine sehr, sehr kleine Insel geht, reagieren Vater und Mutter schon etwas erstaunt. "Es macht aber auch den Eindruck, als sei ihnen fast egal, wohin es geht, Hauptsache sie sind in Sicherheit", vermutet Holt-Schermoni. Die Kinder freuen sich: Immer wieder klettern sie auf die Sitze und gucken durch die kleinen Bullaugen auf das Meer und die kleinen Warften, die langsam am Horizont zu erkennen sind.

Freude auf neue Nachbarn

Angst haben sie nicht, obwohl sie erst kürzlich in einem kleinen Plastikboot von der Türkei nach Griechenland geflohen sind. Die Überfahrt war sehr gefährlich, erklärt Papa Mirraig mit Händen und Füßen. Aber dieses Schiff auf die Hallig hält er für sicher und gut, gibt er dann mit einem Lächeln zu verstehen.

Nach der Ankunft auf der Hallig werden die Familienmitglieder von Hooges Bürgermeister Matthias Piepgras in Empfang genommen. Von seinem Gemeinderat kam der Vorschlag an den Kreis Nordfriesland, das auch Hooge eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen könne. Das befürwortet auch Dirk Bienen-Scholt von der Gemeinde Hoog. "Wir wollen uns beteiligen. Die Stimmung hier auf der Hallig ist gut: Die Menschen sind fast euphorisch und freuen sich auf ihre neuen Nachbarn", sagt er.

Neue Schüler und Kita-Kinder

Während der ersten Gespräche in der Wohnung der Familie zeigt sich, dass man mit Händen und Füßen doch nicht alles klären kann: Mehrfach ruft Piepgras Übersetzerinnen auf dem Festland an. Sie hatte ihre Arbeit ehrenamtlich angeboten. Per Telefon werden dann Dinge geklärt: Wo ist auf Hooge der Kaufmann, wo die Schule, wo der Kindergarten, wer ist Ansprechpartner für Alltagsprobleme?

Die meisten Wege werden die sechs Familienmitglieder schnell kennen: Hooge ist klein und hat, zusammen mit den neuen Bewohnern, knapp 100 Einwohner. Die kleine Halligschule hat nun bald 7, anstatt jetzt 5, Schüler. Zwei der Flüchtlingskinder kommen außerdem in den kleinen Hooger Halligkindergarten. Nur was der Papa genau machen wird, ist noch nicht klar: Vor seiner Flucht hatte er ein Taxiunternehmen in Kabul, erzählt Mirraig Faizi. Taxen gibt es aber auf Hooge keine.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 01.12.2015 | 20:05 Uhr

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