Stand: 15.09.2017 05:00 Uhr

Mit Trinkhalmen aus Glas gegen Plastikmüll

von Anina Pommerenke

In der Produktionshalle in Neumünster klimpert es aus den Jahrzehnte alten Glasmaschinen. Es riecht nach Gas. Die Raumtemperatur liegt bei 32 Grad. Zwischen der Verpackung für Vanilleschoten und Reagenzgläsern wird der "Halm" produziert, ein Trinkhalm aus Glas. Die Idee für das gleichnamige Start-up kam den Gründern Hannah Cheney und Sebastian Müller vor zwei Jahren, als sie mit Freunden einen Urlaub auf der Insel Koh Phayam vor der Westküste Thailands verbrachten.

Glashalme: "Wir mussten dringend etwas tun"

Traumhafte Strände - doch überall lag Plastikmüll

Auf der Insel gibt es kaum Straßenverkehr und kilometerlange Sandstrände. Doch einen Makel hatte die paradiesische Kulisse: Aus dem Indischen Ozean wurde jede Menge Plastikmüll an den Strand gespült. Also organisierte Cheney spontan eine Strandputzaktion. In nur zwei Stunden füllten sie und ihre Freunde zwei Dutzend 150-Liter-Säcke mit Müll. "Gefühlt war jeder zweite Gegenstand ein Plastikstrohhalm", berichtet sie im Gespräch mit NDR 1 Welle Nord anlässlich des "Coastal Cleanup Days".

Symbol für achtlosen Umgang mit Kunststoffen

Cheney und Müller begannen zu recherchieren und kamen zu schockierenden Erkenntnissen. Verschiedenen Schätzungen zufolge werden jeden Tag weltweit zwischen drei und sechs Milliarden Plastikstrohhalme weggeworfen. In Deutschland sind es etwa 40 Milliarden - pro Jahr. Dabei wird ein Strohhalm oft nur wenige Minuten benutzt, bevor er im Müll oder leider auch in der Umwelt landet. Es dauert laut Cheney und Müller allerdings 300 bis 500 Jahre, bis das Plastik nicht mehr auf unserem Planeten ist.

389 Müllteile auf 100 Metern Nordseeküste

"An den deutschen Küsten ist der Plastikstrohhalm zwar nicht das Hauptproblem", sagt Dr. Kim Cornelius Detloff, Teamleiter Meeresschutz beim NABU, "wegen seiner Kurzlebigkeit ist er aber ein Symbol für unseren sorglosen Umgang mit Kunststoffen." Laut Umweltbundesamt kommen auf 100 Meter Ostseeküste durchschnittlich 70 Müllteile, an der Nordsee sind es sogar 389. Rund 87 Prozent der gefundenen Gegenstände sind nach Angaben der Behörde aus Plastik.

"Wir mussten dringend etwas tun"

Nach ihren Erfahrungen in Thailand beschlossen Cheney und Müller, dass sie etwas gegen den Verbrauch von Plastikmüll unternehmen wollen. Ihre Jobs bei einem Onlinehandel hatten sie ohnehin kurz zuvor gekündigt. Sie gründeten einen Company Builder - ein Unternehmen, das gezielt Start-ups entwickeln möchte, die sich auf nachhaltige Themen spezialisieren. Der wiederverwendbare Strohhalm ist ihr erstes Projekt. Für das Material Glas entschieden die beiden sich, weil es sich - wie etwa ein Trinkglas - nicht auf den Geschmack auswirkt und es zu 100 Prozent recycelbar ist.

Produzent in Neumünster hat die nötigen Maschinen

Die Suche nach einem geeigneten Produzenten erwies sich zunächst als äußerst schwierig. "Wenn du irgendwo anrufst und sagst, wir wollen Strohhalme aus Glas machen, wirst du erst mal ausgelacht", berichtet Müller. Die Glasindustrie in Deutschland steht seit Langem vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Viele Standorte haben aufgegeben, zuletzt nach dem Verbot der Glühbirne. In Neumünster fanden die beiden Gründer einen Partner, der an ihre Idee glaubte und das Projekt maßgeblich bei der Realisierung unterstützte - weil er über die entsprechenden Maschinen verfügt.

Restaurant kann Hunderttausende Strohhalme einsparen

Bereits 15 Cafés und Restaurants im Testbezirk in Berlin servieren ihren Gästen Drinks mit den Halmen aus Neumünster. "Es ist ja auch irgendwie logisch", meint Müller, "wir bekommen im Restaurant ja auch keine Plastikteller oder Plastikbesteck vorgesetzt." Die beiden Gründer hoffen darauf, dass sie Aufmerksamkeit für die Strohhalm-Problematik schaffen können - so wie es zuletzt bei Plastiktüten oder Coffee-to-go-Bechern der Fall war. Eine Möglichkeit ist auch, bewusst auf (Plastik-)Strohhalme zu verzichten. Erste Rückmeldungen zeigen nach Angaben des Start-ups, dass ein Restaurant mit den Glas-Trinkhalmen in fünf Jahren eine Viertelmillion Plastikstrohhalme und in einem Jahr etwa 500 Euro einsparen kann.

Trinkhalme aus Glas? Das gab's doch schon mal!

Schon in den 1970er-Jahren waren Glashalme in deutschen Haushalten durchaus verbreitet. "Halm" ist mittlerweile allerdings das einzige Produkt seiner Art, das in Deutschland produziert wird. Das Start-up verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, versucht komplett plastikfrei zurechtzukommen, nutzt Sonnenenergie und verwendet nur mineralölfreie Werkstoffe. Sollte es irgendwann profitabel werden, wollen die Gründer die Hälfte des Gewinns transparent in nachhaltige Projekte investieren. Eine bessere Zukunft für unseren Planeten zu schaffen? Das Gründer-Paar hat dafür eine ganz besondere Motivation: Es erwartet gerade seine erste Tochter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.09.2017 | 06:00 Uhr

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