Stand: 30.03.2016 06:00 Uhr

Mit Schnupfen in die Notaufnahme

von Simon Kremer, Constantin Gill
Bild vergrößern
Weil immer mehr Patienten mit leichten Erkrankungen in die Notaufnahmen kommen, sollen in Schleswig-Holstein Hausärzte in die Krankenhäuser integriert werden.

Zwischen 16 und 22 Uhr kommen die meisten Patienten. "Spät-Peak" nennt Thomas Fleischmann das nüchtern. Er leitet die Notfallmedizin am Westküstenklinikum in Heide. "Wir stellen fest, dass viele Menschen, die früher zum Hausarzt gegangen sind, jetzt in die Notaufnahme gehen." Neben Herzinfarkten oder schweren Stürzen kümmert er sich immer häufiger auch um Patienten, die mit Grippesymptomen in die Notaufnahme kommen. Gerade erst hat er 45 Minuten einen Patienten wiederbelebt, kurz darauf entlässt er einen anderen Patienten mit einem Rezept nach Hause: "Der Husten geht schon wieder weg."

Notaufnahmen sind überlastet

Jedes Jahr kommen nach seinen Angaben rund sechs Prozent mehr Patienten in die Notaufnahmen. "Aber die Menschen werden nicht jedes Jahr sechs Prozent kränker", sagt Fleischmann. Er meint, dass fast die Hälfte der Patienten auch zum Hausarzt hätte gehen können. Für die Klinik bedeutet das: Überlastung. "Wir sind sehr oft sehr voll", sagt Fleischmann. "Sie finden kaum eine Notaufnahme, die nicht einen mehr oder weniger großen Teil des Tages überlastet ist." Für Patienten bedeute das häufig längere Wartezeiten, für Ärzte und Pfleger deutlich mehr Arbeit.

Kommentar

Notfall-Medizin: Nicht an Symptomen herumdoktern

Angesichts der steigenden Zahl von Patienten in Notfallambulanzen wollen Kliniken und niedergelassene Ärzte die Versorgung ändern. Doch das ändert nichts an der Misere, kommentiert Michael Frömter. mehr

Krankenhausgesellschaft: Flächendeckendes Problem im Land

Doch das ist kein spezielles Problem der Westküste oder von Krankenhäusern in ländlichen Gebieten, wo es immer weniger Hausärzte gibt. "Das ist ein flächendeckendes Problem im Land", sagt Bernd Krämer, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein. Mittlerweile kämen sogar Patienten, die eine Grippeschutzimpfung haben wollten, in die Notaufnahme. "Die gehören da natürlich überhaupt nicht hin", sagt Krämer.

Der Patientenanstieg bedeutet auch hohe Kosten für die Krankenhäuser. Ein Gutachten der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) in Berlin kam zu dem Ergebnis, dass die Kliniken mit jedem Patienten, der in der Notaufnahme behandelt wird, 88 Euro Verlust machen. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) rechnete für das vergangene Jahr mit einem Minus von rund 13 Millionen Euro - allein aus der Notfallversorgung.

Sorgt das Internet für mehr Patienten?

Für Allgemeinmediziner Thomas Miklik von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Schleswig-Holstein hängt der Patientenanstieg auch mit einem veränderten Gesundheitsempfinden zusammen: Im Internet würden viele Menschen schnell sehen, was sie alles an Krankheiten haben könnten. Außerdem würden viele Patienten tagsüber arbeiten oder Erledigungen machen und kämen dann erst am Abend oder an den Wochenenden.

Hausarzt im Krankenhaus - bislang nur zu Randzeiten

Weitere Informationen

Hausarzt im Krankenhaus - bislang nur zu Randzeiten

In Schleswig-Holstein gibt es bereits etwa 30 sogenannte Anlaufpraxen in Kliniken. Dort arbeiten Hausärzte außerhalb der üblichen Öffnungszeiten. Das Angebot soll weiter ausgebaut werden. mehr

Eine mögliche Lösung sind sogenannte Anlaufpraxen. 30 gibt es davon schon in Schleswig-Holstein. Dort arbeiten Hausärzte und halten Sprechstunde - außerhalb der üblichen Öffnungszeiten von Arztpraxen. Die Kosten seien deutlich geringer, die Notaufnahmen würden entlastet.

Kliniken, Kassenärztliche Vereinigung und Landesregierung wollen das Angebot daher ausbauen. Sie wollen, dass die Anlaufpraxen auch während der normalen Sprechzeiten der Hausärzte geöffnet sein dürfen, also nicht nur zu den Randzeiten. Derzeit ist das gesetzlich nicht erlaubt. Ihr Ziel sind sogenannte Portalpraxen: Ein gemeinsamer Empfangstresen in der Klinik. Dort selektiert das Personal die Patienten. Kleinere Erkrankungen werden zu den Hausärzten in der integrierten Anlaufpraxis verwiesen, schwere Erkrankungen kommen in die Notaufnahme des Krankenhauses.

Notfallmediziner: "Müssen uns anpassen"

Viele Patienten kämen ohnehin direkt ins Krankenhaus, anstatt erst einmal zum Hausarzt zu gehen, sagt der Leiter der Notfallmedizin in Heide, Thomas Fleischmann. Das Rollenverständnis der Notfallmediziner habe sich in den vergangenen Jahren auch mehr und mehr geändert. "Wir müssen uns da den Patienten anpassen. Je älter die Menschen werden und je mehr Krankheiten sie haben, je weniger Hausärzte es auf dem Land gibt, desto mehr sind die Krankenhäuser gefragt", sagt Fleischmann.

Weitere Informationen
48 KB

Öffnungszeiten der Anlaufpraxen (pdf)

Hier finden Sie die Öffnungszeiten aller 30 Anlaufpraxen, die es in Schleswig-Holstein gibt. Download (48 KB)

Notaufnahmen in Niedersachsen sind überlastet

Mit dem Schnupfen in die Notaufnahme: Die Zahl der Patienten, die mit leichten Beschwerden in die Klinik gehen, steigt weiter. Niedersachsens Notambulanzen sind dadurch überlastet. mehr

mit Video

Unerfahrene Ärzte: Not in der Notaufnahme

Ärzte in der Notaufnahme müssen oft schnell reagieren. Doch eine spezielle Ausbildung gibt es nicht. Häufig müssen ausgerechnet junge, unerfahrene Ärzte kritische Fälle einschätzen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.03.2016 | 06:00 Uhr