Stand: 03.11.2014 08:45 Uhr

Martje: 17 Jahre alte Jägerin aus Leidenschaft

von Rebekka Merholz

Es ist kalt in der Herbstdämmerung, die Luft hängt schwer und feucht über dem Wald. Wenn man genau hinschaut, ist schon der Atem zu sehen. Die meisten Menschen ziehen sich wahrscheinlich gerade mit einer Tasse heißem Tee oder Kakao ins Haus zurück und machen es sich gemütlich. Doch Martje Meyer aus Neumünster sitzt eingepackt in eine dunkelbraune Fleecejacke auf einem Hochsitz. Den dicken Wollschal bis zur Nasenspitze hochgezogen, schaut die 17-Jährige gebannt in den Wald. "Es macht mir Freude, abends loszugehen, mich auf meinen Hochsitz zu setzen, das Wild zu beobachten und ein bisschen abschalten zu können. Das mache ich auch lieber als zu Hause zu sitzen und fernzusehen", erzählt die junge Frau.

Martje: Eine von immer mehr Jägerinnen im Land

Begeisterung vom Vater übernommen

Martje Meyer ist Jägerin. "Aus Leidenschaft", wie sie sagt. Auf die Idee gebracht wurde sie von ihrem Vater, Holger Meyer. Er hat vor knapp drei Jahren den Jagdschein gemacht. Martje beobachtete, wie erfüllt ihr Vater immer aus dem Wald nach Hause kam: "Er hatte immer ein Strahlen im Gesicht und dann habe ich mir gedacht, das muss ich mir eigentlich mal anschauen." Zuerst hat sie ihn zur Jagd begleitet und sich dann irgendwann selbst für den Lehrgang zum Jagdschein angemeldet: "Eigentlich ohne konkrete Erwartungen. Ich wollte mir das alles erstmal angucken und wusste damals noch nicht, ob ich auch auf Jagd gehe oder nicht."

Frauen pauken für den Jagdschein

Die Ausbildung für den Jagdschein ist komplex. Ein halbes Jahr lang hatte Martje Meyer mehrmals pro Woche Unterricht, hat Jagdrecht, Waffenrecht, Pflanzenkunde, Wildbret Hygiene und vieles mehr gelernt. In ihrem Kurs waren ungefähr 30 Personen, etwa ein Drittel von ihnen Frauen. Tendenz steigend. Diesen Trend bestätigt auch Jagdausbilder Dirk Lafrenz von der Deula in Rendsburg. "Vor zehn Jahren hatten wir in den Kursen noch nicht mal zehn Prozent Frauen. Jetzt sind es so im Schnitt 22 Prozent, Tendenz steigend." Mit nur 16 Jahren hatte Martje Meyer den Jugendjagdschein in der Tasche. Seitdem darf sie zur Jagd gehen, allerdings nur unter strengen Auflagen: Ausschließlich in ihrem Revier, ohne eigene Waffe und nur in Begleitung eines Erwachsenen.

Gespanntes Warten auf dem Hochsitz

Meistens leiht sich Martje das Gewehr ihres Vaters, der auch heute mit ihr auf dem Hochsitz sitzt. Es ist mucksmäuschenstill im Wald. Niemand spricht, jedes Geräusch könnte die Tiere verschrecken. Martje und ihr Vater haben den Hochsitz mit einem Tarnnetz umhüllt. Vor dem Hochsitzt liegt Heister, der Jagdhund der Familie. Plötzlich ein Knacken. Der Hund spitzt sofort die Ohren. Auch Martje blickt sich um, versucht das Geräusch zu orten, Fernglas und Waffe griffbereit.  Dann, ein großer Vogel, der aus einem Baum hoch flattert und wegfliegt. Kein Wild.

Tränen nach dem ersten Schuss 

"Man erlegt nur etwa jedes zehnte Mal ein Stück Wild", erzählt Martje. Die meiste Zeit sitze sie auf dem Hochsitz, beobachte oder pflege das Revier. Fünf Rehböcke und zwei Ricken hat die 17-Jährige schon erlegt. An ihren ersten Rehbock erinnert sie sich noch ganz genau: "Da habe ich auch geweint, weil es ein komplettes Gefühlschaos war. Auf der einen Seite denkt man ‚Was hast du getan? Du hast einem Stück Wild das Leben genommen ‘, aber auf der anderen Seite ist das eine ganz neue Erfahrung. Und es ist ja auch nicht umsonst gestorben, man verwertet das Tier ja."


Kopfschütteln bei Freundinnen

In ihrem Freundeskreis kommt Martjes Hobby nicht bei allen gut an. Einige Jugendliche verurteilen sie dafür, dass sie Tiere tötet, haben sich von ihr abgewandt. "Damit hätte ich nicht gerechnet", erzählt die 17-Jährige, lächelt schüchtern und schaut zur Seite. Aber sie steht zur Jagd, denn das sei für sie viel mehr als ein Hobby. Ihr ganzes Leben habe sich verändert, auch sie selbst habe sich verändert: "Wenn man durch die Landschaft fährt, nimmt man die Dinge ganz anders wahr. Die Kleidung stellt sich um, was einem gefällt stellt sich um, der Freundeskreis verändert sich und so ändert sich einfach das ganze Leben dadurch."

Einmal Jagd - immer Jagd

Im kommenden Sommer macht Martje Meyer ihr Abitur.  Ein Leben ohne die Jagd, aber vor allem ein Leben ohne die Natur kann sie sich nicht mehr vorstellen. Zuerst hatte die 17-Jährige deshalb überlegt, Berufsjägerin zu werden: "Das hat mir dann aber doch nicht so zugesagt", erinnert sich Martje. Nun überlegt sie Forstwirtschaft zu studieren. Vielleicht will sie auch Erzieherin werden: "Dann könnte ich eine Weiterbildung zur Waldpädagogin machen und Kindergruppen durch den Wald führen." Mittlerweile ist es dunkel geworden im Wald. "Irgendwann zieht einem die Kälte doch immer von den Füßen in den restlichen Körper hoch", sagt Martje und lacht, packt das Gewehr ein und steigt den Hochsitz hinab. Heute hat sich kein Wild gezeigt. "Aber das ist für mich auch Jagd, dass man einfach nur da gesessen und die  Natur genossen hat. Und auch wenn man nichts gesehen hat, war es trotzdem entspannend."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 03.11.2014 | 17:00 Uhr