Stand: 13.01.2017 12:50 Uhr

Leben ohne Gehör - Einfach mal umdenken

von Maja Bahtijarević

Vor diesem ungewöhnlichen Treffen habe ich ein bisschen Bammel. Und das ist fremd für mich, da ich keineswegs Probleme habe, auf Menschen zuzugehen. Ich rede gerne und viel. Trotzdem: Danny Canal zu treffen, macht mich leicht nervös. Er ist einer von rund 2.000 Gehörlosen in Schleswig-Holstein, und ich spreche kein Wort Gebärdensprache.

Eine unsichtbare Behinderung

Bild vergrößern
Danny Canal und Reporterin Maja Bahtijarević treffen sich in einem Kieler Café und kommunizieren per Laptop.

Doch schon gleich nach dem Händeschütteln und Begrüßungsgesten ist meine Nervosität weg. In einem Café in Kiels Innenstadt sitze ich neben einem gutgelaunten Mann mit positiver Ausstrahlung. Hatte ich etwas anderes erwartet? Natürlich nicht. Selbstverständlich löst nicht Danny als Person mein Unbehagen aus. Es ist die Befürchtung, mich nicht mitteilen zu können - wenn man so will: behindert zu sein. Und zum ersten Mal meine ich, annähernd eine Idee davon zu bekommen, wie sich Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft fühlen. Wir einigen uns auf Dannys Vorschlag, per Laptop miteinander zu kommunizieren. Bei so vielen Informationen, die wir austauschen wollen, ist das in meinen Augen eine hervorragende Idee. "Eigentlich ist meine Behinderung unsichtbar, bis ich die Deutsche Gebärdensprache (DGS) nutze oder andere Kommunikationsmittel, oder beim Ansprechen nicht reagiere", erzählt mir der 29-Jährige. Probleme im Alltag habe er nicht: "Ich bin ein selbstbewusster Tauber, inzwischen komme ich mit Technik wie dem Handy gut aus."

"Man kann mit Behinderung gut umgehen"

Doch nicht alle Gehörlosen sind wie Danny. "Aus schulischer Sicht gibt es leider Menschen, die nicht schriftlich kommunizieren können wie ich. Sie haben in der wichtigen Phase des Spracherwerbs, also im Alter von null bis sechs, die Gebärdensprache nicht erlernt", sagt der Kieler. Außerdem wüssten Eltern oft nicht, dass es eine Alternative gebe zu den hochgepriesenen Cochelar Implantaten, die die Medizin immer wieder als einzigen Ausweg bezeichne. Grundsätzlich sieht Danny eine der größten Schwierigkeiten darin, dass sowohl die Gesellschaft als auch Betroffene nicht genügend über die Behinderung wissen.

Weitere Informationen

Das Kollegengespräch zum Thema

Lesen Sie hier die Transkription. mehr

Er ist überzeugt, dass man mit der Behinderung sehr gut umgehen kann. Sein Lebensweg zeigt das. In Hamburg hat er damals die bundesweit erste billinguale Klasse besucht, in der neben der deutschen Schriftsprache auch DGS unterrichtet wurde. Mithilfe von Dolmetschern studierte Danny Gebärdensprach-Linguistik und Politikwissenschaften, zurzeit ist er für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Kiel eingeschrieben.

Eltern und Freunde erledigen mal einen Anruf

Ohne Dolmetscher zu studieren, wäre für Danny unmöglich. Für Vorlesungen zum Beispiel arbeiten zwei Übersetzer gemeinsam. Im 15-Minuten-Takt müssen sie sich ablösen, zu groß ist die Anstrengung bei einer simultanen Übersetzung. Danny nennt mir eine Beispielrechnung: Bei einem gesetzlichen Tarif von 75 Euro pro Stunde kommen inklusive Fahrtkosten pro Woche rund 3.400 Euro pro Dolmetscher zusammen. Ich bin baff.

Mittlerweile gibt es Gesetze, dass Dolmetscher bei einem Arztbesuch oder an der Hochschule mit öffentlichen Mitteln gezahlt werden. Doch es gebe immer noch Einschränkungen. "Im Privatbereich, wie bei der Bank, der Versicherung oder bei der Hochzeit, gibt es keine Finanzierung. Da müsste ich den Dolmetscher eigentlich aus eigener Tasche zahlen", erklärt Danny. "Bisher habe ich die aber nicht genutzt." Manchmal nutzt er Onlinedienste für Hörbehinderte - die sind aber einerseits teuer, und es gibt andererseits auch Dinge, die Danny einfach nicht mit einer Agentur teilen will. "Ich bitte schon ab und zu meine Eltern oder so um einen Anruf, wenn was dringend ist", lässt er mich wissen, doch unterstreicht: Nicht alle hätten jemanden, der helfen kann - und manche schlicht kein Geld, sich einen Dolmetscher zu leisten.

Dolmetscher für wichtige Veranstaltungen

Der Kieler engagiert sich sehr viel ehrenamtlich, um die Situation für Menschen mit Behinderung zu verbessern. Er bemüht sich, Barrieren abzubauen und "Schutzräume" zu schaffen, wie er sie nennt. Das können zum Beispiel Orte sein, an denen alle grundsätzlich DGS sprechen. Sein Ziel hat Danny stets fest im Blick: "Inklusion heißt, dass das System sich den Menschen mit Bedürfnissen anpassen und nicht umgekehrt."

Bild vergrößern
Danny Canal setzt sich sehr für Barrierefreiheit ein. Wir müssten alle mal unsere Berührungsängste ablegen, meint der Student.

Ein wichtiger Meilenstein in Sachen Inklusion sei die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008. Damals wurden Rechte von Menschen mit Behinderungen niedergeschrieben, etwa der Anspruch auf Bildung oder Barrierefreiheit. Danny nennt es "das Beste", was bisher durchgesetzt wurde. "Dort ist genau aufgelistet, was die Politik berücksichtigen muss. Vorher gab es keine Artikel im Gesetz, auf die ich mich beziehen konnte." Doch die Gesellschaft müsse sich ein ganzes Stück mehr bewegen, meint Danny: Inklusion müsse zur Selbstverständlichkeit werden. Eine seiner Ideen ist, dass wichtige Veranstaltungen grundsätzlich simultan von DGS-Dolmetschern übersetzt werden, oder dass das gesprochene Wort als Text auf einer Leinwand eingeblendet wird.

"Kettenreaktion auslösen"

Ich merke, dass vieles von dem, was Danny erzählt hat, mir bisher gar nicht bewusst war. Das geht wohl vielen Menschen ohne Behinderung so. "Dran zu arbeiten ist guter Anfang", fängt mich Danny auf. "Der erste Schritt ist, das Brett vorm Kopf wegzumachen und so eine Kettenreaktion auszulösen." Dies gelte gleichzeitig auch andersrum - besonders für viele Gehörlose, die lieber in ihrer geschlossenen Welt bleiben. "Wir müssen auf beiden Seiten Brücken bauen", erklärt Danny - und klingt dabei erfrischend optimistisch.

Weitere Informationen

Rollifahrer und Experte checken Barrierefreiheit

Zu holprig, zu steil, zu glatt: Wer gehörlos, körper- oder sehbehindert ist, kämpft im Alltag mit vielen Barrieren. Das zeigt der Praxis-Check eines Architekten am und im Norderstedter Rathaus. mehr

Barrierefreie Angebote im NDR

NDR Fernsehen

Barrierefreie Angebote ermöglichen seh- oder hörbehinderten Menschen den Zugang zu Fernsehen und Internet. Hier ein Überblick über die Angebote im NDR. mehr

mit Audio

Barrierefreies SH: Ein Weg mit Hindernissen?

15.01.2017 18:05 Uhr
NDR 1 Welle Nord

Wie ist Schleswig-Holstein beim Thema Barrierefreiheit aufgestellt? Darüber haben wir am Sonntagabend in "Zur Sache" mit Experten und mit Ihnen gesprochen. mehr


16.01.2017 19:40 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer vorherigen Version hat die Beispielrechnung eines Dolmetschers pro Woche etwa 4.200 Euro betragen. Dies haben wir nach unten korrigiert, um mehr einem Durchschnitt zu entsprechen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein am Nachmittag | 13.01.2017 | 14:05 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:13 min

Straßenbaukosten: Hausbesitzer müssen zahlen

25.04.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
01:55 min

Gesundheitsreport: Der Norden schläft schlecht

25.04.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin