Stand: 20.11.2013 19:21 Uhr

Landtag will NS-Vergangenheit aufarbeiten

Die Geschichte des ehemaligen Landesinnenministers Paul Pagel (CDU) ist einigen Historikern bekannt. Er war im schleswig-holsteinischen Kabinett von CDU-Politiker Walter Bartram (1950 - 1951) der einzige Minister ohne NS-Vergangenheit. Der Einstieg Pagels in die Politik ist ein besonderer: Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs flieht der christliche Widerständler 1945 aus seiner Mecklenburgischen Heimat vor den Sowjets. Eine Reifenpanne zwingt ihn zum Halt bei Bad Segeberg - es kommt zum Kontakt mit dem britischen Militär, das Schleswig-Holstein zu der Zeit besetzt. Er fällt wegen seiner guten Englisch-Kenntnisse auf, die Briten ziehen ihn schließlich zu Verhandlungen hinzu und ernennen ihn später zum Bürgermeister von Bad Segeberg. 1947 wird er Landwirtschaftsminister, 1950 Innenminister. In seinen Tagebüchern, die 2009 gefunden und aufgearbeitet wurden, schreibt Pagel über seine Zeit im Landtag: Dort sitze eine Koalition aus SA, SS und NSDAP.

Gab es eine Tendenz zur Rehabilitierung von Nazis?

Wie groß der Einfluss von Nazis auf Politik und Verwaltung in Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg insgesamt war, sollen Historiker jetzt systematisch untersuchen. Einen entsprechenden Beschluss fasste der Landtag am Mittwoch - einstimmig. Ein historisches Institut soll die "personellen und strukturellen Kontinuitäten nach 1945 in Legislative und Exekutive" erforschen. Fokus der Wissenschaftler ist zunächst die NS-Vergangenheit von Mitgliedern der Landesregierung und des Landtags in der Nachkriegszeit. Untersuchen sollen die Historiker auch, "ob es in Schleswig-Holstein eine besonders ausgeprägte Tendenz zu einer politischen und beruflichen Rehabilitierung ehemaliger Nationalsozialisten gegeben hat", wie es im Landtagsbeschluss heißt. Dazu gehöre auch zu untersuchen, auf welche Weise und in welchem Umfang es gelungen sei, ehemalige Nazis "in den demokratischen Staat zu integrieren und wie dies das politische Klima beeinflusst hat".

Widerständler wird als Ministerpräsident verhindert

Paul Pagel sollte 1950 eigentlich für die CDU Ministerpräsident werden. Doch er scheiterte am Widerstand eines Koalitionspartners der CDU: Der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) blockierte die Wahl Pagels, er wurde nur Innenminister. Mit ihm am Kabinettstisch saß Hans-Adolf Asbach vom BHE - ein mutmaßlicher Massenmörder. Er soll in der NS-Zeit den Mord an 3.000 Juden befohlen haben.

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