Stand: 10.07.2017 19:45 Uhr

Kriminologe: "Eindruck der Manipulation"

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Kriminologe Thomas Feltes: "Wenn man bei einer Durchsuchung Beweismittel finden will, muss man sofort durchsuchen."

Kriminologe Thomas Feltes wundert sich über das Vorgehen der Polizei bei den Ermittlungen im Fall der sogenannten "Subway"-Messersetecherei. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitet seit vielen Jahren er als forensischer Gutachter für Gerichte.

Herr Prof. Feltes, Sie haben sich die Akte angesehen. Ist da alles okay?

Thomas Feltes: Man kann bei komplexen und längeren Verfahren in jeder Akte Fehler und Unzulänglichkeiten erkennen. Aber solche wie in diesem Verfahren, wo eben doch zumindest mir der Eindruck entsteht, dass manipuliert worden ist, das sieht man eher selten.

Worauf stützt sich Ihr Eindruck, da sei manipuliert worden?

Feltes: Immer dann, wenn in einer Akte Hinweise auf Beweismittel oder auf Zeugen zu finden sind, die man nochmal unter die Lupe nehmen oder befragen sollte, und das nicht getan wird, dann fragt man sich: Geschieht das aus Unwissenheit oder steckt dahinter eine bestimmte Intention von Seiten der Polizei? Zum Beispiel, dass man jemanden schützen will oder dass es im Hintergrund andere Dinge gibt, die man für wichtiger erachtet als die konkreten Ermittlungen.

Im Fall der Messerstecherei im "Subway" 2010 widersprechen sich Zeugen. Es gibt aber keine konfrontative Befragung, um diesen Gegensatz aufzulösen. Was bedeutet das?

Feltes: Das ist ein typisches Beispiel für den Fall, dass ich zwei Zeugenaussagen habe. Es ist ja eindeutig: Es kann nur eine von den beiden Wahrheiten stimmen. Deshalb hätte man hier auf jeden Fall nochmal intensiver nachermitteln und rückfragen müssen.

Unmittelbar nach der Tat im "Subway" gab es eine Hausdurchsuchung im Haus des Chefs der "Bandidos", in dem auch das Clubheim war. Was halten Sie von der Art und Weise, in der diese Hausdurchsuchung durchgeführt wurde?

Feltes: Sie ist vor allem vor dem Hintergrund, wie sonst Durchsuchungen in dem Milieu durchgeführt werden, überaus merkwürdig zu bewerten. Wenn man tatsächlich bei einer Durchsuchung Beweismittel finden will, dann muss man wirklich sofort durchsuchen. Und nicht erst nach einem gewissen zeitlichen Zwischenlauf, wo unter anderem Beweismittel entfernt werden können. Das ist hier nicht der Fall gewesen. Das lässt darauf schließen, dass man eine konkrete Person schützen wollte.

Bemerkenswert ist auch der Verbleib der Durchsuchungsfotos. Sie seien zu dunkel gewesen und wurden längst gelöscht.

Feltes: Das alles klingt sehr stark danach, dass hier tatsächlich Beweismittel unterdrückt oder sogar vernichtet worden sind. Das müsste sofort Anlass für ein Strafverfahren sein - gegen die entsprechenden Polizeibeamtinnen und Beamten.

Riecht das nach Kumpanei?

Feltes: Als Kumpanei würde ich es nicht bezeichnen. Aber es kann durchaus sein, dass hier Beziehungen bestehen, die man bei anderer Gelegenheit vielleicht nutzen will. So dass man sagt: 'Okay wir kommen dir hier ein Stückchen entgegen, und wenn Du dann beim nächsten Mal Informationen für uns hast oder uns helfen kannst, dann erwarten wir das auch'. So baut man typischerweise Abhängigkeiten auf, und das ist in einem Strafverfahren und für polizeiliche Verfahren das Todesurteil.

Was bedeutet es denn, wenn der Präsident der "Bandidos" die Quelle der Polizei ist, beispielsweise für ein Vereinsverbots-Verfahren?

Feltes: Wir wissen ja aus dem ersten NPD-Verfahren, dass diese Verbindungen zwischen den V-Leuten und der Organisation, die verboten werden soll, höchst problematisch sind, weil wir da eben keine klare Trennung mehr haben. Und der Beweis, dass diese Organisation in irgendeiner Form gefährlich für die Demokratie oder für den Rechtsstaat ist, ist dann schwer zu führen, wenn ich im Grunde genommen selbst Einfluss nehme auf die Geschicke dieser Organisation. Wenn es also der Präsident ist, der hier im Grunde genommen eine Rolle spielt, dann kann ich im Grunde genommen nicht mehr mit gutem Gewissen diese Gruppe verbieten, weil der Präsident dann quasi auf der Pay-Roll der Polizei steht. Das sind Verbindungen, die inakzeptabel sind. Und die sich dann eben auch zu Lasten des Rechtsstaates und der Polizei auswirken.

Das Interview führte Patrik Baab, Schleswig-Holstein-Magazin.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 10.07.2017 | 19:30 Uhr

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