Stand: 27.10.2015 07:00 Uhr

Kieler Biologin bringt Schnecken ins Rutschen

von Andrea Schmidt

Schnecken sind ja eher träge und langsam. Komisch eigentlich, dass Nadine Sydow so ein enges Verhältnis zu den schleimigen Kriechtieren hat. Sie selbst ist nämlich das krasse Gegenteil: quirlig, kreativ und lebensfroh. Und ein bisschen verrückt, denn wer kommt schon auf die Idee, mit einem Schneckenmittel groß herauszukommen und viel Geld zu verdienen? "Wann ich reich bin?", fragt sich die 29-jährige Kielerin. "Wenn ich durch meine Arbeit mordfreies Gärtnern ermöglicht habe und davon meine Miete bezahlen kann."

"Schnexagon": Eine Idee aus Kiel nimmt Form an

Angelkurse und Aida-Hostess als Nebenjob

In der Tat ist Nadine Sydow noch nicht reich. Die Biologin hält sich über Wasser mit zahlreichen Nebenjobs. Sie ist Hostess bei der Aida, gibt Angelkurse und ist Helferin bei einem EU-Agrarprojekt, bei dem sie "schwere Metallrahmen in die Erde kloppt". Aber ihr großes Ziel verliert sie seit drei Jahren nicht aus den Augen: ihr Startup-Unternehmen mit "Schnexagon".

"Schnexagon" bringt die Schnecke ins Rutschen

"Schnexagon" muss man sich so vorstellen: Es ist eine Art Lack, den der Gartenliebhaber auf seine Beetumrandung, auf die Blumentöpfe oder den Zaun streicht. Die Schnecke, die an die leckeren Blumen oder an den gehaltvollen, wehrlosen Kohl ran will, hat schlechte Karten: Sie rutscht auf der Antihaftschicht aus und kommt nicht an das verheißungsvolle Futter.

"Schnecken haben enorme Haftkraft"

Fünfteilige Start-up-Serie bei NDR.de

Mit der eigenen Idee durchstarten? Klingt verlockend. Einige Schleswig-Holsteiner haben den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Wir stellen fünf Start-ups vor.

Die Gründer berichten uns über Herausforderungen, Startschwierigkeiten - und natürlich auch über ihre Erfolgserlebnisse. In unseren Geschichten geht es aber nicht nur um Firmenkonzepte und Finanzen, sondern um die Menschen dahinter.

Diese ungewöhnliche Geschäftsidee hat Nadine Sydow 2014 den ersten Preis beim Ideenwettbewerb Schleswig-Holstein eingebracht. Aber bis es so weit war, vergingen Monate, sogar Jahre. "Ich habe 400 verschiedene Strukturoberflächen ausprobiert. Teflon, Lotus, Kupfer, Klettverschlüsse, Haarbürsten, aber die Schnecken haben eine enorme Haftkraft", erzählt die Biologin. Durch Zufall fand sie dann den richtigen Stoff, die richtige Mischung für ein ökologisch unbedenkliches Antihaftmittel. "Nur so viel: Ich hab's im normalen Haushaltsbedarf gefunden, mehr darf ich noch nicht verraten."

Und dann die wirtschaftlichen Fragen - die trieben Nadine manchmal an den Rand der Verzweiflung. "Ich bin Biologin", protestiert die gebürtige Mönkebergerin lachend. "Allein für den Businessplan habe ich fünf BWLer verschlissen."

Testgärtner und immer wieder leere Kassen

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Testgärtner haben bewiesen: Die Tagetes, die im Topf mit "Schnexagon" eingepflanzt ist, blüht. Die andere ist von Schnecken zerfressen.

500 Testgärtner wurden gesucht und gefunden - alle probierten den Prototypen aus. Die 5.000 Euro des Ideenwettbewerbs wurden gleich wieder ausgegeben - ein ständiger Kampf gegen klamme Kassen. Nadine holte sich ein Team zusammen, das ihr bei der Geschäftsidee half. Aktuell arbeitet Marten Riedl mit ihr zusammen. Er ist Inhaber der Firma "Sehestedter Naturfarben" und hat es geschafft, den Prototypen für die Schnecken zu optimieren. "Unser Ziel ist es, dass 'Schnexagon' eine ganze Gartensaison hält und wetterbeständig ist", sagt der 35-Jährige. Der inzwischen transparente, natürliche Lack hält zurzeit mindestens vier Wochen, auch bei "Weltuntergangswetter".

Tüfteln im Gewächshaus

Dann ist da noch Moritz Rathmer. Der Biologe schreibt seine Abschlussarbeit über "Schnexagon" und hilft Nadine bei der wissenschaftlichen Erprobung des Stoffes. "Ich bin einfach begeistert von dieser ökologischen Lösung. Das ist eine super Sache." Der 30-Jährige tüftelt im Gewächshaus, vergleicht Kalkanstriche, Industrielack oder natürliche Lacke. Das Ziel: Vor allem die ungeliebte braune Spanische Wegschnecke soll möglichst lange auf Abstand gehalten werden.

Immer wieder verrückte Ideen

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Mit dem auffälligen Schneckenkostüm werben Gründerin Nadine Sydow (r.) und ihre Praktikantin Sarah-Lena Otto für "Schnexagon".

Nadine Sydow ist, wie schon gesagt, kreativ. Zum Beispiel versucht sie, Geld über so genanntes Crowd Funding zu sammeln. Über Vorbestellungen soll die Produktion vorfinanziert werden. "Ich habe nun einen kleinen Investor gefunden, der zumindest die Gründung der GmbH möglich macht." Und auch beim Marketing lässt sie ihrer Phantasie freien Lauf. Ihre Praktikantin, die Auszubildende Sarah-Lena Otto, wird kurzerhand in ein riesiges Schneckenkostüm gepresst. Dann geht es von ihrem Forschungsgebäude beim Botanischen Garten der Kieler Christian-Albrechts-Universität hinüber zur Mensa. Jeder Student wird gnadenlos angesprochen: "Hier, guck dir mal unseren Flyer an. Schneckenkorn ist nicht die Lösung."

Mit dem Segway Werbung machen

Demnächst will Nadine mit einem Segway durch Kiel düsen und wieder Werbung für "Schnexagon" machen. Bis zum 17. November kann man die ökologische Lösung vorbestellen, ab dem Frühjahr ist "Schnexagon" dann aller Voraussicht nach auf dem Markt. Alles nicht so einfach, aber Nadine ist zäh. Wie eine Schnecke. Also doch eine Gemeinsamkeit.

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