Stand: 07.10.2017 14:07 Uhr

Kiel: König für einen Tag am "Wohlfühlmorgen"

von Sebastian Parzanny

"Friseur", "Pediküre", "Maniküre", oder auch "Massagen", steht auf den Schildern, die die rund 40 ehrenamtlichen Helfer an den Klassentüren der Gelehrtenschule Kiel angebracht haben. Dort, wo sonst Schüler sitzen und lernen, wurden extra für heute kleine Wohlfühloasen geschaffen, für die Menschen, die sich den täglichen Luxus eigentlich nicht leisten können: Arme Menschen und Wohnungslose aus Kiel sind an diesem Sonnabendmorgen eingeladen.

Ein mit Blumen dekorierter Frühstückstisch.

"Wohlfühlmorgen" für Bedürftige in Kiel

Schleswig-Holstein Magazin -

In Kiel haben sich mehrere Organisationen zusammengetan und den "Wohlfühlmorgen für Wohnungslose und Arme" veranstaltet - mit Zahnmobil, Kleiderbörse, Seelsorge und Friseur.

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Sogar Duschen gibt es beim "Wohlfühlmorgen"

Jens Daniel hat sich eine neue Frisur verpassen lassen. Der junge Mann ist obdachlos, lebt in abwechselnden Stadtteilen der Landeshauptstadt. "Ich finde es geil, dass es das hier gibt. Alle sind freundlich und nett und man wird überall mit Respekt behandelt, was sonst nicht immer der Fall ist. Das ist eine Art Wertschätzung." Nach dem Friseurtermin will Jens Daniel eventuell noch zur Massage "Im vergangenen Jahr war das toll, heute muss ich mal sehen, ob da viel los ist."

Auf dem Stuhl vor Friseurmeisterin Ilona Meyer hat unterdessen schon der nächste Gast Platz genommen, um sich frisieren zu lassen: "Ich bin das erste Mal dabei. Mein Freund hatte davon gehört, und meinte: 'Das wäre doch was für dich, dort zu helfen.' Ich war sofort dabei", erzählt die fröhliche Frau, während sie beginnt, sein Haare zu schneiden. Berührungsängste? Fehlanzeige: "Natürlich kommen hier andere Menschen her, als in den Salon, in dem ich arbeite. Teilweise wurden die Haare länger nicht gewaschen, aber das können wir ja schließlich auch hier machen. Falls es gar nicht geht, bitten wir die Gäste, vor dem Frisieren kurz Duschen zu gehen." Selbst Waschräume und Duschen stehen am "Wohlfühlmorgen" in der Gelehrtenschule zur Verfügung.

Massage im Klassenzimmer

Einen Klassenraum weiter haben Physiotherapeutin Agnes von Natzmer und ihre Kolleginnen einen provisorischen Massagesalon in ein Klassenzimmer gebaut. Die Frau aus Schönberg kommt gerade vom Kneten, hinter einem Raumtrenner hervor. Mit vielen der Gäste kommt sie während der Massage ins Gespräch: "Es ist unglaublich spannend, welche Geschichten wir hier hören. Die Menschen haben teilweise sehr interessante Lebenswege. Aber natürlich hören wir auch schon mal Bewegendes über die Lebenssituationen, in denen die Obdachlosen leben."

"Wohlfühlmorgen" für Obdachlose

Und dann kommt auch schon der nächste Gast zur Wohlfühlmassage. Nachweise erbringen, Sozialausweise zeigen oder irgendwelche Formulare ausfüllen muss übrigens niemand. Es gilt für alle Angebote das Prinzip der offenen Tür und des Vertrauens.

Schüler servieren Gästen Kaffee

Die Räume des Gymnasiums sind unterdessen voller geworden: Auf den Fluren suchen sich Menschen Kleidung aus, die auf Tischen ausgelegt wurde, spontan gibt es Livemusik auf der anderen Seite des Ganges. Immer wieder flitzt Özgürcan Bas mit einem Tablett über die Flure. Er ist Schülersprecher der Gelehrtenschule und serviert den Gästen frischen, duftenden Kaffee. "Wir sind insgesamt 14 Schülerinnen und Schüler, die hier mithelfen. Als wir gefragt wurden, ob wir helfen können, waren wir sofort dabei", berichtet er und muss auch schon weiter.

Neben den Schülern gehören Ehrenamtliche zum Beispiel vom Caritasverband, dem Sozialdienst katholischer Frauen und der katholischen Kirche zu den Helfern. Der Malteser Hilfsdienst organisiert den "Wohlfühlmorgen: "In Düsseldorf gab es diese Veranstaltung zuerst. Über Hamburg kam die Idee dann nach Kiel", berichtet Sylvia Bonse. "Uns geht es darum, den Menschen einen Teil ihrer Würde zurück zu geben. Und sie einfach mal in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht um Wertschätzung und sie sollen mal von hinten bis vorne bedient werden. Damit sie einfach wissen, dass sie nicht vergessen worden sind."

"König für einen Tag"

Immer wieder gibt es an diesem Vormittag Lob von den Gästen an die Organisatoren: "Super was hier geboten wird, man fühlt sich wie ein König für einen Tag", sagt ein Obdachloser im Vorbeigehen. Bonse und ihre Mitstreiter wurden immer wieder darauf angesprochen, ob es so einen Tag nicht zwei Mal pro Jahr geben könnte. "Ich möchte das auch. Kann aber noch nichts versprechen", sagt sie. Fest steht: Auch im kommenden Jahr wird es einen Kieler "Wohlfühlmorgen" geben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 07.10.2017 | 19:30 Uhr

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