Stand: 24.03.2016 09:26 Uhr

Kiel: Eine alte Stadt unter der Baustelle

von Michael Frömter

Wer in der Kieler Innenstadt bauen will, der muss mit zweierlei Dingen rechnen: mit Blindgängern und anderen Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg oder mit Resten historischer Bauten. Auf der Großbaustelle für ein neues Quartier an der Eggerstedtstraße ist zum Glück von Bomben bislang keine Spur, dafür wurden Überreste der historischen Altstadt freigelegt.

Mit Schaufel und Pinsel neben dem Bagger

Mit Schaufel und Pinsel werden Mauerreste freigelegt

Seit mehreren Tagen schon graben Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes mit Schaufel und Pinsel auf der Baustelle, unbeeindruckt von den Baggerarbeiten nebenan. "Was wir  freigelegt haben, sind Fundamente und Mauerreste von Häusern an der früheren Fischerstraße, die vom Wasser aus direkt in die Stadt führte," sagt Ausgrabungsleiter Marc Kühlborn vom Archäologischen Landesamt. "Wir hoffen auf Funde aus der Gründungszeit der Stadt Kiel kurz nach 1200." Gut zu erkennen ist ein früherer Brunnen aus roten Ziegeln. Nach Angaben von Kühlborn stammen die Überbleibsel aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Sie werden genauestens vermessen und dokumentiert, gegebenenfalls umgelagert oder auch konserviert. Das komme aber nur bei wirklich schützenswerten Relikten infrage, so der Ausgrabungsleiter.

Wohnanlage auf historischem Grund

Für die Bauarbeiten heißt das: Zunächst müssen die Archäologen die Baustelle freigeben. Diese Verzögerung haben die Investoren bereits eingeplant. Weitere Funde erhoffen sich die Experten nach eigenen Angaben unter dem nördlichen Teil der Baustelle und unter der eigentlichen Eggerstedtstraße. Auf dem Areal der Altstadtinsel entsteht in den kommenden Monaten eine Wohnanlage mit gehobener Ausstattung.

Die Fischerstraße kommt wieder

Die 130 Eigentumswohnungen und 83 Mietwohnungen sollen nach den Plänen der Investoren Ende 2017 fertig gestellt sein. Dann soll sich auch der frühere Straßenname "Fischerstraße" im Kieler Stadtplan wiederfinden. Er war in den 1970er-Jahren verschwunden. Damals entstanden auf dem Teil der Altstadtinsel zwischen Nikolai-Kirche und Schloss Funktionsbauten, die für die damalige Zeit einen modernen Stil verkörperten. Auf die Frage, warum damals der Denkmalschutz noch nicht berücksichtigt wurde, antwortet Ausgrabungsleiter Kühlborn, die Gesetzeslage sei in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg noch nicht so weit gewesen. Das habe sich erst zu Beginn der 90er-Jahre geändert. Seitdem werde verstärkt auf Denkmalschutzbelange geachtet, sagt Kühlborn zufrieden.

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