Stand: 06.08.2015 06:00 Uhr

Heikendorfer Panzer: Der Weg in den Keller

von Simon Kremer

Die komplizierte Bergung eines Weltkriegs-Panzers aus der Kellergarage eines Waffensammlers aus Heikendorf bei Kiel sorgte Anfang Juli international für Schlagzeilen. Knapp neun Stunden brauchten die 20 eingesetzten Soldaten damals, um den Panzer vom Typ Panther aus dem Haus zu holen und auf einen Tieflader zu schieben. Grund der Aktion: Ermittlungen der Kieler Staatsanwaltschaft wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. NDR.de hat den Weg des Panzers nach Heikendorf (Kreis Plön) recherchiert.

Ein Haufen Schrott weckt Interesse

Im Winter 1977 reist der britische Militärsammler Eddie Kenten nach Deutschland und hat ein paar Fotos für seinen "alten Freund" Klaus F. aus Kiel im Gepäck. Auf den Schwarz-Weiß-Bildern sind ein paar Rollen und Panzerketten zu sehen - unter einem meterhohen Schrottberg. Klaus F., einer der größten Sammler von Militärgerätschaften in Deutschland, soll sein Leben lang auf diese Chance gewartet haben, berichtet die britische Zeitschrift "After the Battle" damals. Kurze Zeit später klingelt in einer Werkstatt in Solingen in Nordrhein-Westfalen das Telefon.

Sammlerstück oder Kriegswaffe?

Anfrage in Solingen

"F. hat mich angerufen und gefragt, ob ich einen Panzer reparieren könnte", sagt Eugen Erwes (Name geändert) heute - mit Stolz in der Stimme. Er will seinen Namen nicht in der Öffentlichkeit sehen. Trotzdem spricht der Mann mit NDR 1 Welle Nord darüber, wie er den Panzer in den 1980er-Jahren restauriert hat. Denn dass der deutsche Panther so aussieht, wie ihn die ganze Welt gesehen hat, als er von der Bundeswehr aus dem Keller des Kieler Kunstsammler geborgen wurde, das ist auch Erwes' Verdienst. Jahrelang hat Erwes in seiner Werkstatt den schrottreifen Panzer restauriert. So weit, dass ein Gutachten der Staatsanwaltschaft Kiel heute sagt, der Panzer sei nicht ordnungsgemäß demilitarisiert worden und daher als Kriegswaffe einzustufen.

Von England über die Niederlande nach Nordrhein-Westfalen

Erwes fährt damals nach eigenen Angaben zunächst nach London, wo er von Kenten abgeholt und in den Süden Englands gebracht wird. Dort liegt der Panther auf einem Schrottplatz in der Grafschaft Surrey begraben. Auf dem Heck sind weiße Markierungen angebracht, die ihn als Zielobjekt der britischen Armee ausweisen. "Der Zustand war sehr desolat“, erzählt Erwes. "Die Seiten waren rausgeschnitten, das Kanonenrohr abgeschnitten."

Wie britische Medien berichten, gibt es nur noch wenige Panzer vom Typ Panther. Sie sind unter Sammlern heiß begehrt. Der Panther gilt als "non plus ultra" des Panzerbaus im Zweiten Weltkrieg. Und das Panzerwrack aus England findet kurze Zeit später über die Niederlande den Weg in die Werkstatt von Eugen Erwes in Solingen.

Ein Hobby für Jahre

Er sei technikbegeistert, erzählt Erwes und spricht dann minutenlang über technische Details, erklärt Mechanik und Motor des Panzers. So wie Klaus F. von Militaria und Kunst aus den Weltkriegen fasziniert ist, ist Erwes es von der Technik. Er baut dem Panther damals eine eigene Halle vor seiner Werkstatt in Solingen.

44 Tonnen wiegt das Ungetüm. Für die Einzelteile schlachtet Erwes damals einen zweiten Panzer aus. Für schwer zu beschaffende Teile, wie etwa den Maybach-Motor, habe der Heikendorfer Sammler seine Kontakte in aller Welt spielen lassen, so Erwes. Allein die Restaurierung soll ihn eine halbe Million Mark gekostet haben, schreibt damals die lokale Zeitung. "Ich habe das als Hobby betrachtet", erklärt Erwes. Neben dem eigentlichen Beruf habe er fast sieben Jahre an dem Weltkriegs-Fahrzeug gearbeitet.

Abnahme durch Bundesbehörde?

Er habe damals gepanzerte Stellen mit dünnen Blechen ersetzt und übermalt, wie es gesetzlich vorgeschrieben gewesen sei, sagt Erwes. Der Panzer sieht aus wie neu, wie kurz vor dem Kriegseinsatz. Aber ist er auch einsatzbereit?

Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) in Eschborn soll den Panzer damals kontrolliert haben. Dort wollte sich wegen der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kiel niemand zu dem Fall äußern. Nach Informationen von NDR 1 Welle Nord konnte der Heikendorfer Sammler den Behörden und der Staatsanwaltschaft aber bis heute keine entsprechenden Genehmigungen des Amtes vorlegen.

Einparken im Keller an der Kieler Förde

Ein Gutachten der Kieler Ermittler hält wesentliche Teile des Panzers für nicht demilitarisiert. Nach Ansicht des Sachverständigen ist der Panzer als Kriegswaffe einzustufen. Daher wurde er Anfang Juli dieses Jahres von der Bundeswehr aus dem Keller gezogen. Der Panzer war nicht fahrbereit, die Ketten waren abmontiert.

1984 kann er noch fahren: Der Panzer ist so gut wie restauriert. Die Motoren laufen und auf einer Wiese an der Wupper hat der Panther seine erste Probefahrt. Danach wird der Panzer mit dem Lkw nach Kiel transportiert und im Keller der Villa an der Kieler Förde eingeparkt. Mehr als 30 Jahre steht der Panzer dort. Umrahmt von steinernen Reichsadlern. Das zeigen Fotos von Bundeswehrsoldaten, die bei der Bergung Anfang Juli vor Ort waren und die sie in Online-Foren gestellt haben.

Panzer steht jetzt auf Truppenübungsplatz

"Ich kann das nicht verstehen, dass sie dem den Panzer abgenommen haben", sagt der Solinger Mechaniker. "Damals war das alles in Ordnung." Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen aber noch: Wegen des möglichen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Der Panther hat inzwischen einen neuen Standort gefunden: den Truppenübungsplatz der Bundeswehr in Putlos (Kreis Ostholstein).

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Karte: Der lange Weg des Panzers