Stand: 30.03.2016 06:00 Uhr

Hausarzt im Krankenhaus - bislang nur zu Randzeiten

von Simon Kremer, Constantin Gill
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In Zukunft soll es mehr Anlaufpraxen wie diese im Städtischen Krankenhaus in Kiel geben.

An einem Mittwochabend um kurz vor 20 Uhr. Alle Klappstühle vor der Notfallpraxis im Städtischen Krankenhaus in Kiel sind besetzt. Mehr als 20 Menschen sitzen schon hier, die meisten halten Kleinkinder in den Armen, die quengeln. Es riecht nach Linoleum und Desinfektionsmitteln. Typischer Krankenhausgeruch. Ein junger Vater sitzt in dem Flur, sein Kind im Arm. Es habe 40 Grad Fieber und die Medizin helfe nicht mehr, sagt er. Bei einer älteren Dame ist der Blutdruck zu hoch. Sie wolle die Nacht so nicht verbringen, sagt sie. Einer jungen Frau geht es "dreckig, immer abends". Deswegen komme sie außerhalb der regulären Sprechzeiten. Ein Kleinkind ist aus dem Hochstuhl gefallen. "Nichts Dramatisches", sagt die Mutter. "Aber ich will es mal checken lassen und bin froh, dass es diese Praxis gibt."

An 30 Standorten gibt es bereits sogenannte Anlaufpraxen. Bislang sind sie nur außerhalb der regulären Sprechzeiten geöffnet.

Anlaufpraxen entlasten Notaufnahmen

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Öffnungszeiten der Anlaufpraxen (pdf)

Hier finden Sie die Öffnungszeiten aller 30 Anlaufpraxen, die es in Schleswig-Holstein gibt. Download (48 KB)

"Die Situation war Anfang der 2000er schon so, dass die Zahl der Hausbesuche drastisch in die Höhe ging", sagt Thomas Miklik von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Schleswig-Holstein. Nach und nach entstanden die sogenannten Anlaufpraxen: Seit 2007 gibt es an 30 Standorten im Norden solche Praxen, in denen Hausärzte arbeiten und Sprechstunde halten - außerhalb der üblichen Öffnungszeiten. Dann, wenn die meisten Praxen geschlossen haben. "Heute übernehmen viele Bundesländer unser schleswig-holsteinisches Modell", sagt Miklik, "weil auch die anderen Bundesländer die Probleme haben und gegensteuern wollen." Die Kosten seien deutlich geringer, die Notaufnahmen würden zudem entlastet.

Angebot soll weiter ausgebaut werden

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Kliniken, Kassenärztliche Vereinigung und Landesregierung wollen das Angebot ausbauen. Sie wollen, dass die Anlaufpraxen auch während der normalen Sprechzeiten der Hausärzte geöffnet sein dürfen, also nicht nur zu den Randzeiten. Aktuell ist das gesetzlich nicht erlaubt. Ein Rechtsgutachten, das von allen drei Akteuren in Auftrag gegeben wurde, kommt zu dem Schluss, dass eine Gesetzesänderung sinnvoll ist. Der Vorschlag liegt derzeit in Berlin.

Das Ziel sind sogenannte Portalpraxen: Ein gemeinsamer Empfangstresen in der Klinik. Dort selektiert das Personal die Patienten: Kleinere Erkrankungen werden zu den Hausärzten in der integrierten Anlaufpraxis verwiesen, schwere Erkrankungen kommen in die Notaufnahme des Krankenhauses. In den kommenden Wochen soll am Westküstenklinikum in Heide ein entsprechender Modellversuch einer Portalpraxis starten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.03.2016 | 06:00 Uhr