Stand: 18.02.2016 09:04 Uhr

Frust der Pendler: Im Schneckentempo nach Sylt

Bei Pendlern nach Sylt gibt es seit dem Fahrplanwechsel vor zwei Monaten nur noch ein Thema: Die ständigen Verspätungen und Zugausfälle zwischen Niebüll und Westerland. Seit Dezember fahren deutlich mehr Züge - so viele, dass die Strecke überlastet ist. "Nur jeder zweite Zug ist noch pünktlich", sagt Achim Bonnichsen, der seit knapp 30 Jahren täglich den Zug auf die Urlaubsinsel nutzt: "So etwas haben wir noch nicht erlebt." Er und 2.100 andere Nutzer haben sich bei Facebook einer Gruppe angeschlossen, in der sich Pendler austauschen können, wenn ein Zug mal wieder später kommt.

Der Kampf um den Hindenburgdamm

Staatssekretär trifft Pendler und Unternehmer

Die Züge der Nord-Ostsee-Bahn fahren morgens alle 30 Minuten - tagsüber meist einmal pro Stunde. "Auch wenige Minuten machen für die Pendler viel aus. Einige müssen früher fahren, um die Busse auf Sylt und ihren Arbeitsplatz rechtzeitig zu erreichen." Andere Möglichkeiten, auf die Insel zu kommen, gibt es für die meisten nicht. Am Donnerstag machten sich Pendler und der Verein der Sylter Unternehmer (SU) ihrem Ärger Luft. Der Staatssekretär aus dem Verkehrsministerium in Kiel, Frank Nägele, sprach auf der Insel mit den Betroffenen.

Leere "Geisterzüge" blockieren die Gleise

Kommentar
mit Video

Sylt Shuttle: Land und Bund haben versagt

Der Wettbewerb beim Autozug nach Sylt sorgt für Verspätungen und Ausfälle. Sylter, Pendler und Politiker haben das drohende Chaos jahrelang ignoriert, meint NDR Reporter Jörg Jacobsen. mehr

Seit Mitte Dezember fährt die Bahn mit ihrem Sylt Shuttle Plus auf die Insel - einer Kombination aus dem klassischen Autozug Sylt Shuttle und einem Personenzug. Der Dieseltriebwagen mit 140 Sitzplätzen startet bereits in Bredstedt und wird in Niebüll an den Autozug angehängt. Diese neue Verbindung ist langsamer und teurer als der Nahverkehr - und wird nach Angaben der Pendler kaum genutzt. "Das ist ein Geisterzug, der fast immer leer fährt", sagt Achim Bonnichsen. "Mehrere Bredstedter Firmen fahren in großer Zahl mit ihren Mitarbeitern auf die Insel. Von diesen Mitarbeitern hat keiner diesen Zug je benutzt", sagt der Bredstedter Bürgermeister Knut Jessen.

Auf dem Festland und auf der Insel sind etliche Rangierfahrten notwendig. Die sorgen aus Sicht der Pendler dafür, dass der Betriebsablauf regelmäßig ins Stocken kommt. Außerdem sind die Bahnübergänge entlang der Strecke häufiger geschlossen. Auch auf Sylt sorgt das für Unmut. "Es geht darum, den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen und die Moral unserer Pendler zu erhalten", sagte SU-Geschäftsführer Ronald Glauth vor dem Gespräch mit Nägele. Er hofft auf die Hilfe der Landesregierung.

Deutsche Bahn: "Wettbewerb macht kreativ"

Satire
03:09 min

Realer Irrsinn: Sylt Shuttle Plus

17.02.2016 22:50 Uhr
extra 3

Um auf der begehrten Autozug-Verbindung zwischen Niebüll und Westerland auf Sylt einen Konkurrenten von den Gleisen fern zu halten, kam die Bahn auf eine "tolle" Idee. Video (03:09 min)

Hintergrund des neuen Angebots des Bahn ist die Rivalität zwischen der Deutschen Bahn und dem Unternehmen RDC Deutschland. Die Firma mit Wurzeln in den USA will künftig ebenso über den Hindenburgdamm Autozüge nach Sylt fahren lassen. Durch den Sylt Shuttle Plus der Bahn ist die teilweise eingleisige Strecke aber so stark ausgelastet, dass der neue Mitbewerber RDC weniger Fahrten anbieten kann als ursprünglich geplant. Mit Stellungnahmen dazu hält sich die Bahn zurück. "Wettbewerb macht kreativ", sagte der zuständige Abteilungsleiter der Deutschen Bahn, Alfred Onken, auf mehrfache Nachfrage im Interview mit dem Schleswig-Holstein Magazin im NDR Fernsehen.

RDC verschiebt Start für seinen Autozug

Ist die Bahn für das Chaos allein verantwortlich? Darüber streiten die Pendler in der Facebook-Gruppe regelmäßig. Unter ihnen sind auch einige der 180 Mitarbeiter der Deutschen Bahn in der Region, von denen viele ebenfalls mit den Regionalzügen der Nord-Ostsee-Bahn zur Arbeit fahren. Sie halten den Trick mit dem Sylt Shuttle Plus für notwendig. "Ohne den SSP würde die Insel zur Zeit nicht versorgt. Wir machen alles, damit es klappt. Und es klappt bei uns gut", schreibt einer der Bahn-Mitarbeiter.

Ohne das Anhängsel hätte die Bahn die meisten Trassen verloren. RDC hätte von Dezember an fast den gesamten Verkehr übernehmen müssen. Damals war aber nur ein Prototyp fertig - ohne die notwendige Zulassung. RDC Deutschland will erst später mit seinem Autozug starten - wann genau, steht allerdings noch nicht fest. "Bislang gehen wir davon aus, dass die Zulassungen noch vor Ostern kommen", sagt Carsten Carstensen von RDC Deutschland. Dann wird es noch voller auf den Gleisen nach Sylt.

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Mit "Sps" und "Uks" auf die Insel Sylt

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Frust auf der Bahnstrecke von und nach Sylt: Viele Pendler mussten in den letzten Tagen länger auf die Züge warten. Einen Zusammenhang mit dem Fahrplanwechsel sehen die Anbieter aber nicht. (18.12.2015) mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 18.02.2016 | 19:30 Uhr