Stand: 27.01.2016 18:01 Uhr

Flüchtlingskriminalität: Was ist wahr?

von Stefan Eilts
Bild vergrößern
Seit der Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und Hamburg hat sich die Flüchtlingsdebatte verändert.

Köln hat vieles verändert, findet Joachim Gutt. Der stellvertretende Direktor der Landespolizei in Schleswig-Holstein hat in dieser Woche Zahlen zum Thema "Flüchtlingskriminalität" vorgelegt. Der Druck auf die Strafverfolgungsbehörden ist seit Jahresbeginn kontinuierlich gewachsen. Seit den Berichten über sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht rund um den Kölner Hauptbahnhof wird in Deutschland intensiv über sexualisierte Gewalt und Flüchtlingskriminalität debattiert. Immer wieder schwingt die Frage mit, ob Behörden wie die von Gutt Informationen zurückhalten.

Gutts Reaktion: Er setzt auf Transparenz. "Aus meiner Sicht ist es besser, ein möglicherweise diffuses Bild zu zeichnen, als dass wir bezichtigt werden, irgendetwas unter den Teppich zu kehren."

Polizei arbeitet an Phantombildern

Ein solch diffuses Bild ergibt sich aktuell in Kiel: In der Landeshauptstadt wird seit Tagen über drei mögliche Sexualdelikte diskutiert. Immer sollen Täter-Trios involviert, immer Männer mit "südländischem" Aussehen unter den Tätern sein. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln aktuell in zwei Fällen: Einmal geht es um sexuellen Missbrauch im September, ein anderer Fall dreht sich um eine versuchte Vergewaltigung Mitte Januar.

Haben beide Taten miteinander zu tun? In beiden Fällen wird an Phantombildern von jeweils einem Täter gearbeitet, die bald veröffentlicht werden könnten, heißt es aus der Staatsanwaltschaft. Eine Ähnlichkeit sei auf den Bildern bislang eher nicht zu erkennen. DNA-Spuren hätten in der Datenbank keinen Treffer ergeben, so der zuständige Staatsanwalt Axel Bieler: "Handelt es sich um drei Täter? Suchen wir nach sechs Personen? Wir wissen es nicht und ermitteln in beide Richtungen." Von der Kieler Polizei heißt es, man gehe auch möglichen Widersprüchen noch nach.

Zur Diskussion steht auch ein dritter Fall, der sich Anfang Januar ereignet haben soll. Dazu liege bislang aber keine Strafanzeige vor, erklärt Bieler: "Keine Strafanzeige zu stellen, ist das gute Recht jedes Opfers. Für uns macht es die Arbeit aber natürlich nicht leichter."

Weißer Ring: "Menschen sind verunsichert"

In diesem Zusammenhang habe es nach den Ereignissen in Köln eine Veränderung gegeben, findet Uwe Döring vom "Weißen Ring" in Schleswig-Holstein. Die Beratungsstellen des Vereins sind oft erste Anlaufstelle für Opfer. Die Bereitschaft, Sexualstraftaten auch anzuzeigen, sei in den vergangenen Wochen gestiegen, so Döring. Er berichtet, dass außerdem mehr Beratung zu dem Thema nachgefragt wird: "Die Verunsicherung ist da bei den Menschen, viele Frauen fragen nach Verhaltens-Ratschlägen."

Hat sich die Bedrohungslage in den vergangenen Monaten verändert? Oder gibt es eher eine gefühlte Bedrohung? Die amtliche Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2015 liegt noch nicht vor. Seit September erfasst die Statistik der Landespolizei überhaupt erst Delikte mit Flüchtlingsbezug. Auch 47 Sexualdelikte sind in der Statistik enthalten. Insgesamt umfasst die Datenbank mittlerweile 2.771 Einträge, rechnet Behördenchef Gutt vor, etwa 15 bis 20 kommen jeden Tag dazu. Die Zahl der Straftaten pro Tag habe sich seit September aber kaum verändert.

Die öffentliche Wahrnehmung hat sich verändert

Enthalten sind in der Gesamt-Statistik nicht nur die durch Flüchtlinge verübten Taten, sondern auch Konflikte zwischen Flüchtlingen und Straftaten gegen Flüchtlinge, die Deutsche begangen haben. Alle drei Fall-Gruppen hielten sich in etwa die Waage, so Gutt. Sein Fazit: "Die Zahl der Straftaten ist gemessen an der Zahl der Flüchtlinge gering. In der subjektiven Wirkung ist es insbesondere nach Köln dann aber doch signifikant." Soll heißen: Die Zahlen sind gleich geblieben, aber die öffentliche Wahrnehmung hat sich verändert.

Weitere Informationen

Sexuelle Übergriffe in Schleswig-Holstein?

In Flensburg und Kiel haben sich junge Frauen bei der Polizei gemeldet, die sexuell belästigt worden sein sollen. In zwei Fällen gibt es Tatverdächtige. Die Polizei sucht weitere Zeugen. mehr

Beschimpften und beraubten Flüchtlinge Juden?

Rassistischer Übergriff auf dem Fährbahnhof in Puttgarden? Dort sollen zwei Flüchtlinge einen Juden beschimpft und beraubt haben. Einzelheiten zu dem Vorfall gaben die Ermittler noch nicht bekannt. (11.01.2016) mehr

Link

In zwölf Bundesländern Übergriffe wie in Köln

Sexual- und Diebstahlsdelikte wie in Köln hat es in der Silvesternacht in zwölf Bundesländern gegeben. Das geht aus einem BKA-Bericht hervor, der WDR, NDR und SZ vorliegt. (23.01.2016) extern

Studt verteidigt Polizei, Rüge für Günther

Innenminister Studt hat die Arbeit der Polizei verteidigt. Bei der Debatte im Landtag wurde er vor allem von CDU-Fraktionschef Günther angegriffen. Der handelte sich dafür eine Rüge ein. (20.01.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.01.2016 | 22:00 Uhr