Stand: 23.02.2016 07:15 Uhr

Flüchtlingsalltag auf dem Land

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Sie sind alle verwandt: Großfamilie Alsayed aus Aleppo, jetzt in Süderbrarup.

In einem alten Süderbraruper Haus herrscht heute viel Trubel. Für ein gemeinsames Foto kommt die Großfamilie Alsayed aus Aleppo in dem spärlich eingerichteten Wohnzimmer zusammen. Erst die Männer, dann strömen verschleierte, junge Frauen und Kinder herein. Sie postieren die Kleinsten auf dem Tisch, die anderen stellen oder setzen sich drumherum.

Die Männer kamen vor gut einem Jahr nach Deutschland. Mostafa spricht bereits etwas Deutsch. Er erzählt, er habe als Taxifahrer und in vielen Gelegenheitsjobs in der syrischen Stadt Aleppo gearbeitet, bevor er sich zur Flucht über Libyen entschloss. Mehrere Tage trieb das Boot auf dem Mittelmeer. Zwischen der Türkei und Griechenland waren damals noch weniger Schleuser aktiv. Im Herbst kamen Frauen und Kinder hinterher. Sie nahmen die Balkanroute.

Familiennachzug bereits erfolgt

Ein offizieller Familiennachzug, über den die Politik derzeit lebhaft diskutiert, sieht allerdings anders aus. Dieser müsste offiziell beantragt werden. Auch einfache Deutschkenntnisse wären nachzuweisen. Doch sie machten sich einfach auf den Weg, steuerten die Erstaufnahmen in Neumünster und Boostedt an. In Süderbrarup im Kreis Schleswig-Flensburg hat die weitläufige Familie schließlich wieder zusammengefunden. Nur die Eltern leben noch in der zerstörten Heimat. Gelegentlich kann Mostafa mit ihnen telefonieren, wenn die Leitung nicht zusammenbricht.

Flüchtlingspaten- Helfer im Behördendschungel

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Familie Alsayed mit 36 Mitgliedern stellt jetzt fast ein Prozent der Süderbraruper Bevölkerung. Den verstärkten Nachzug dokumentieren auch die aktuellen Zahlen aus dem Amtsgebiet. "Knapp die Hälfte der 200 registrierten Flüchtlinge sind inzwischen Minderjährige in ihren Familien", stellt Annedore Rönnau fest. Die Kindergärtnerin koordiniert im Süderbraruper Familienzentrum soziale Angebote in dem Ort. In einem der Räume treffen sich bei Kaffee und Keksen gerade die Flüchtlingspaten.

Mittlerweile helfen 45 Bürger den Zugereisten regelmäßig bei Behördengängen und Problemen aller Art. Dabei sind sie manchmal auch genervt. Einige Helfer haben etwa den Eindruck, dass einige Flüchtlinge schon bei jeder leichten Erkältung zum Arzt wollen. Mit der elektronischen Gesundheitskarte vereinfacht sich jetzt der Gang in die Sprechstunde. Vorher mussten die Flüchtlinge mithilfe der Paten jeden Arztbesuch formell beantragen.

Kulturschock: Kondome im Supermarkt

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Regelmäßig treffen sich die Flüchtlingspaten aus Süderbrarup und Umgebung, um Probleme zu besprechen.

Auch das Rollenbild von Mann und Frau sorgt für Gesprächsstoff. Zwei der syrischen Männer sind mit jeweils zwei Frauen verheiratet. Einige der Frauen wirken zurückgezogen. "Bis sich die Lebensweise ändert, dauert es sehr, sehr lange. Sie sind damit aufgewachsen. Bei den Kindern kann man vielleicht was machen", meint Flüchtlingspatin Nadja. Die gebürtige Afghanin ist selbst mit einem deutschen Mann verheiratet. Eine andere Patin erzählt, sie habe einer Gruppe von Afghanen im Supermarkt einfach mal gezeigt, wo die Kondome hängen - ein kleiner Kulturschock für die Neu-Süderbraruper.

In der Nachbargemeinde Mittelangeln fand kürzlich ein besonderer Abend statt. Einheimische erklärten den Flüchtlingen, wie Männer und Frauen hierzulande miteinander umgehen. "Von Mann zu Mann, das kommt vielleicht auch besser bei den Männern an. Ich hab da nur positive Rückmeldung bekommen", berichtet Helferin Sabrina Burgdorf. Vielleicht wäre das auch ein Ansatz für Süderbrarup oder andere Gemeinden.

Licht und Schatten beim Spracherwerb

Doch selbst wenn die Flüchtlinge bereit sind, sich darauf einzulassen, stellt sich die Frage, ob sie alles verstehen. Die Paten nutzen ausgiebig die Übersetzer-Apps ihrer Handys, stoßen bei heiklen Themen aber schnell an die Grenzen. Es kam schon zu einigen Missverständnissen.

Lehrerin Anna gibt im Süderbraruper Familienzentrum ehrenamtlich Deutschkurse. Sie selbst stammt aus Kasachstan. Ihre Familie hat deutsche Wurzeln. Ihre erwachsenen Schüler können nach einem Jahr auf einfache Fragen antworten, mehr aber nicht. Mit zwei jugendlichen Mädchen aus dem Kosovo klappt die Unterhaltung dagegen schon ganz gut. Ihre Zimmer sind mit Vokabelzetteln dekoriert. Die Jüngeren lernen einfach deutlich schneller.