Stand: 23.09.2017 07:00 Uhr

Florian Nerling: Der beste Schweißer im Land

von Torben Dreyer

Ein blau blitzender Strahl erleuchtet den Raum. Es knisterst, prasselt und zischt, dann zucken gelbe, orangefarbene und weiße Blitze durch die Luft. Dort direkt hineinzusehen, ist für das menschliche Auge extrem gefährlich. Wie ein Ritter, den Kopf versteckt hinter einem schwarzen Helm, die Hände geschützt durch dicke Schutzhandschuhe, sitzt Florian Nerling auf einem Holzdrehstuhl. Halb eingemauert von weißen Ziegeln hockt der 21-Jährige in einer Schweißerkabine der "Schweißtechnischen Lehranstalt" in der Berufsbildungsstätte der Handwerkskammer Lübeck.

"Ich mag körperliche Arbeit"

Nerling übt hier in Travemünde während seiner Ausbildung zum Metallbauer das Schweißen. Genauer gesagt das MAG- Schweißen. Eine spezielle Form des Lichtbogenschweißens, bei der Metalle mithilfe von Gasen und Strom geschmolzen werden. "Ich mache mich gern dreckig, mag körperliche Arbeit und falle abends gern kaputt ins Bett. Dann weiß ich, was ich getan habe", erzählt der 21-Jährige, während er für einen kurzen Moment den Helm absetzt und ein neues Stück Metall in einen Schraubstock spannt.

Schweißen ist 100 Prozent Konzentration

Mit einem Ruck klappt er dann wieder den Gesichtsschutz herunter, fixiert mit der linken Hand erneut den Schraubstock und greift mit der rechten zum Schweißbrenner. Behutsam führt er die Kontakthülse, in der auch der Schweißdraht steckt, in Richtung des Stahlträgers, mit dem er arbeitet. Wieder sprühen Funken durch die Halle. "Am wichtigsten ist eine ruhige Hand und volle Konzentration. Beim MAG-Schweißen arbeiten wir mit enormer Hitze, und es entstehen viele Funken. Deshalb müssen wir immer aufpassen und 100 Prozent bei der Sache sein", sagt Nerling.

Wettkämpfe auf Landesebene

Wie gut dem jungen Mann das schon jetzt nach drei Jahren Ausbildung gelingt, zeigt er nicht nur Tag für Tag in Berufsschule und Ausbildungsbetrieb, sondern auch bei Wettkämpfen. Im Frühjahr setzte sich Nerling zunächst gegen acht Handwerker im Alter von 20 und 21 Jahren aus dem Bezirk der Handwerkskammer Lübeck durch, um dann einige Wochen später in Hamburg Landesmeister zu werden. Die Aufgabe: in vier verschiedenen Schweißprozessen jeweils Kehl- und Stumpfnähte schweißen sowie eine theoretische Prüfung bestehen.

Vorbereiten für den Bundeswettbewerb

Am Montag startet für ihn nun das nächste Abenteuer. In Düsseldorf will er beim Bundeswettbewerb der beste Metall-Aktivgasschweißer (MAG) Deutschlands werden. In zwei Stunden muss er im Wettstreit mit anderen Schweißern zwei Stumpfnähte und eine Kehlnaht in nur einem Versuch möglichst genau schweißen. "Es ist das erste Mal seit mehr als zehn Jahren, dass sich ein Lehrling aus dem Bezirk der Handwerkskammer Lübeck für den Bundeswettbewerb qualifizieren konnte", erzählt Nerlings Ausbilder Sven Reimer stolz. "Und einen Bezirks- und Landesmeister hatten wir sowieso noch nie." Seit drei Wochen bereitet der erfahrene Ausbildungsmeister seinen Schüler vor. Zuerst im Blockunterricht mit anderen Azubis, seit einer Woche nun im Einzelunterricht. Jeden Tag von sieben Uhr in der Früh bis kurz vor vier am Nachmittag. Immer wieder: Schweißen, schweißen, schweißen.

Zu Besuch beim besten Schweißer


Hoher Aufwand: Florian wohnt in der Lehranstalt

"Eigentlich ist das noch viel zu wenig Zeit, denn die größeren Firmen aus Süd- und Mitteldeutschland trainieren noch länger. Aber ich denke, Florian wird es auch so gut meistern", sagt Ausbilder Reimer. Fakt ist: Um in Düsseldorf zu bestehen, opfert der junge Ahrensburger seine ganze Freizeit. Wohnt sogar in der "Schweißtechnischen Lehranstalt" auf dem Priwall und pendelt seit drei Wochen täglich zwischen Schweißerkabine und Schlafzimmer. Für Freunde und Familie ist - wenn überhaupt - nur am Wochenende Zeit. "Das ist natürlich schon sehr anstrengend", sagt Nerling. "Ich würde natürlich viel lieber zu Hause schlafen, aber das geht leider nicht." Denn ein Auto könne er sich als Azubi mit knapp 500 Euro Gehalt einfach nicht leisten.

Große Unterstützung vom Ausbildungsbetrieb

Seinem Ausbilder ist Nerling aber dennoch sehr dankbar. Denn ohne ihn stünde er nicht dort, wo er jetzt sei. Und in der Tat kann Nerling seinen Weg zum besten Schweißer auch nur dank seines Ausbildungsbetriebs in Neufresenburg gehen. Schließlich fehlt er nun während der Wettbewerbszeit in seinem Ausbildungsbetrieb. "Für mich war dennoch sofort klar, dass ich ihn auf seinem Weg unterstützten werde" , sagt Nerlings Chefs Torsten Schröder.

Auf dem Weg zur Perfektion

Florian Nerling ist mittlerweile von seinem Drehhocker aufgestanden. Wie ein Chirurg steht er zusammen mit seinem Ausbilder mitten in der Werkstatt. Unter ein paar Neonlampen analysieren beide die Nähte. Sanft streicht der junge Mann mit der Glatze und der dunklen Brille über sein Probestück und lauscht aufmerksam den Worten seines Ausbilders: "Das sieht schon gut aus, aber beim Bundeswettbewerb geht es auch um die Optik. Und darum, dass die Nähte glatt und schön sind." Also geht die Arbeit weiter. Kurz bevor der Lichtbogen wieder den Raum durchflutet, dreht der Azubi noch an zwei Reglern des Schweißgeräts. Sie sind für die Spannung zuständig. Denn für die perfekte Naht braucht es den perfekten Lichtbogen - und der hängt vom Grad der Spannung ab.

Handwerk in der Familien-DNA

Sollte Florian auch auf Bundesebene erfolgreich sein, würde er auch seine Familie stolz machen. Schon sein Opa hatte als Schlosser Türen gebaut oder Metalle repariert. Im Falle eines Sieges könnten weitere Wettkämpfe folgen. Im Weltcup in China mit Schweißern aus ganz Europa zum Beispiel. Vorher will Nerling aber noch seine Gesellenprüfung bestehen. Im Januar wird er seine Ausbildung zum Metallbauer beenden. Danach möchte er Berufserfahrung sammeln. "Vielleicht  als Industrie-Schweißer in Schweden oder Norwegen." Auch wegen der besseren Bezahlung, gibt der gebürtige Ahrensburger zu. Dann fliegen wieder Funken durch die Luft.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.09.2017 | 19:30 Uhr

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