Stand: 21.02.2016 10:40 Uhr

Fasten auf Sylt: Tee statt Krabbenbrötchen

von Simone Steinhardt

Auf langen Holztischen stehen Tassen mit dampfendem Tee, Thermoskannen, Gläser mit bunten, frisch gepressten Säften. Es ist Sonntagmorgen im Fastenhaus Werner in Westerland. Die 26 Gäste sind zu einer einwöchigen Fastenwander-Woche angereist. Ihr Frühstück: Tee und Säfte. "Nach dem Wandern stehen hier Zitronen- und Orangenschnitzchen für Euch. Schnitzchen, nicht Schnitzel", betont Fastenleiterin Angelika Hüging. Gelächter in der Gruppe. Die Stimmung ist trotz des Nahrungsentzugs gut.

Mit leerem Magen über den Strand

Restaurants links liegen lassen

Knackige Krabbenbrötchen, fünf Gänge im Gourmetrestaurant mit weinseliger Begleitung: All das ist jetzt tabu. Auch für Michael Weber, der aus Berlin auf die Insel gereist ist, um eine Woche lang nichts zu essen und viel zu wandern. Geld bezahlen für kulinarische Enthaltsamkeit? Auf Sylt, wo die genüsslichen Verlockungen an jeder Ecke lauern? "In Berlin ist das viel schlimmer mit den Verlockungen. Da gibt's ja an jeder Ecke eine Bude", sagt der 36-Jährige. Wie man Hunger während des Fastens vermeidet, damit hat sich Weber auch schon auseinandergesetzt.

Fasten ist nicht hungern

Eine wichtige Grundregel gilt es dabei zu beachten. Was man sich im Laufe der Zeit alles so zuführt, muss komplett raus: Darmentleerung ist das A und O vor dem Fasten. "Je leerer der Darm, desto geringer der Hunger. Die Gäste entdecken dann eine ganz neue Leichtigkeit", schmunzelt Heike Werner, Inhaberin des Fastenhauses. Dass man sich das Fasten auf einer Genussinsel wie Sylt überhaupt antut, ist für sie nicht abwegig. "Fasten heißt nicht hungern. Es ist der freiwillige Verzicht auf Nahrung, um den Körper von Giftstoffen zu befreien und Heilungsprozesse in Gang zu setzen", so Heike Werner. Allerdings: Experten warnen vor unkontrolliertem Fasten. Menschen mit schweren Herz- und Nierenerkrankungen sowie Krebserkrankungen, Gicht oder Gallenproblemen dürfen gar nicht fasten.

Gruppendynamik ist wichtig

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In der Gruppe lässt es sich leichter fasten.

Michael Weber bricht an diesem Sonntagmorgen zum ersten Mal zu einer Wanderung mit der Gruppe auf. Diese Gruppendynamik sei wichtig, weiß Angelika Hüging. "Das Gemeinschaftsgefühl motiviert. Da ist viel Energie und positive Stimmung. Das nimmt den Neulingen auch die Angst vor körperlichen Beschwerden", erklärt die Fastenleiterin. Außer leichtem Kopfdruck hat Michael Weber jedoch bislang keine Beschwerden und gute Laune hat er auch. Einziger Knackpunkt: das Kaugummikauen. "Das solltet ihr lassen", mahnt Hünging, "es suggeriert dem Körper, dass er etwas zu essen bekommt." Michael Weber runzelt die Stirn. Das Kaugummi lenkt ihn vom Rauchen ab - natürlich ein Tabu während des Fastens.

Nach der Fastenkrise: Euphorie

"Auf Kaugummi und Rauchen verzichten, da könnte ich schlechte Laune kriegen", befürchtet Weber. Schlechte Laune bekommt er dann zwar nicht. Dafür sucht ihn am dritten Tag die berüchtigte Fastenkrise heim: Kopfschmerzen und Mattigkeit machen ihm zu schaffen. Ein normaler Prozess, erklärt Heike Werner. "Der Körper stellt sich um. Am ersten Tag verbrennt er die Kohlehydrate, am zweiten die Eiweiße, am dritten Tag wird Fett abgebaut. Dann geht es an die Depots im Körper", so die Fastenhaus-Chefin. Der Körper stelle sich dann von der äußeren auf eine innere Ernährung um. Ab dem vierten Tag wird Michael Weber für den Nahrungsentzug belohnt. "Ich fühle mich super, habe viel Energie. Gestern war ich sogar 23 Kilometer wandern", erzählt er stolz. Seine Augen strahlen, das Gesicht wirkt erholt und frisch. Das Fastenwandern hat sich auch positiv auf sein Geschmacksempfinden ausgewirkt. "Ich weiß wieder, wie toll ein frisch gepresster Saft schmecken kann." In den Alltag nimmt er die vielen Eindrücke von Sylt und ein besseres Körpergefühl mit. "Ich würde es wieder tun", so Michael Webers Fazit.

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