Stand: 01.10.2017 06:00 Uhr

Essbare von giftigen Pilzen unterscheiden

von Anina Pommerenke

Die ersten Blätter fallen schon langsam auf die Straßen, es ist sonnig und in den vergangenen Tagen hat es immer wieder geregnet - perfekte Voraussetzungen zum Pilze sammeln. Mit Korb und Messerchen bewaffnet geht es gemeinsam mit der Pilzsachverständigen Vivien Hauser auf einen Waldspaziergang in der Nähe von Kiel. Noch bevor wir den Wald richtig betreten haben, stoßen wir zwischen viel Laub und Unterholz auf unterschiedlichste Pilze. Besonders haben es mir kleine rote und violette Vertreter angetan. Hauser bestimmt Rote und Lila Lacktrichterlinge. "Die sind essbar und bleiben später in der Pfanne schön knackig", erklärt sie mir. Bei den roten müsse man jedoch aufpassen, bei denen gebe es viele Verwechslungsmöglichkeiten. Ein paar von den violetten nehme ich für eine bunte Pilzpfanne mit.

Das meiste, was im Wald steht, kann man nicht essen

"Insgesamt haben wir ungefähr 6.000 Pilze in Schleswig-Holstein. Davon sind gerade einmal 200 bis 300 essbar", erklärt Vivien Hauser. Das heißt: Das meiste, was im Wald steht, sollte man nicht essen. Allerdings sei auch nur ein sehr geringer Teil wirklich tödlich giftig - gerade einmal 25 Pilzarten in Schleswig-Holstein sind bei Verzehr lebensgefährlich.

Trotzdem klingelt das Telefon immer häufiger bei Vivien Hauser. Als geprüfte Pilzsachverständige steht sie zum Beispiel Kliniken zur Seite, wenn es um Pilzvergiftungen geht.

Mehr Anfragen zu Pilzvergiftungen als je zuvor

2017 könnte ein Negativrekordjahr werden, was Pilzvergiftungen betrifft. Im ganzen vergangenen Jahr gab es für Schleswig-Holstein 441 Anfragen beim Giftinformationszentrum Nord. Dieses Jahr sind es im Verhältnis deutlich mehr. Für September und Oktober liegen zwar noch keine Zahlen vor - in diesen Monaten gibt es aber erfahrungsgemäß die meisten Fälle, bestätigt Martin Ebbecke, Leiter des Zentrums. Er sagt: "Je mehr Anfragen reinkommen, desto mehr tatsächliche Vergiftungsfälle gibt es auch."

Grund für Pilzwachstum: Viel Regen im Sommer

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Als Grund nennt Ebbecke den warmen, aber regnerischen Sommer, der perfekte Voraussetzungen für das Pilzwachstum geboten habe. Normalerweise gebe es um diese Jahreszeit noch gar nicht so viele Pilze im Norden, aber dieses Jahr seien sie schon im Sommer aus dem Boden gesprossen. "Wenn viele Pilze wachsen, gibt es auch viele Notfälle", resümiert Ebbecke. Zuletzt habe es 2010 ähnliche Wetterbedingungen und damit einhergehend auch extrem viele Notfälle gegeben.

Besonders häufig kommen Pilz-Verwechslungen unter Migranten vor, die sich in unserer heimischen Fauna nicht genug auskennen. 2015 war ein 16 Jahre alter Flüchtling in Münster gestorben, weil er sich an einem Knollenblätterpilz vergiftet hatte. Im selben Jahr vergifteten sich viele weitere Flüchtlinge mit Knollenblätterpilzen.

Unerfahrene Pilzsammler sollten mit Röhrlingen anfangen

Im Wald entdecke ich kaum einen Meter von den Lacktrichterlingen entfernt einen Röhrling, bei dem ich mir sicher bin, dass ich ihn essen kann. Expertin Hauser bestimmt einen Herbstrotfuß. Verwechselt wird er oft mit anderen essbaren Pilzen. Hauser rät Anfängern grundsätzlich dazu, zunächst auf Röhrlinge zu gehen. Da gebe es wenigstens keine tödlich giftigen Vertreter - im schlimmsten Fall seien nur das Essen und der Magen verdorben. Zum Beispiel bei einer Verwechslung eines Steinpilzes mit einem Gallenröhrling: Dieser schmeckt zwar bitter wie Galle. Das ist aber verkraftbar - im Gegensatz zu einem möglichen Nieren- oder Leberschaden beim Verzehr eines giftigen Pilzes.

Der Geschmackstest

Um einen genießbaren Pilz von einem bitteren Vertreter zu unterscheiden, eignet sich ein Geschmackstest. Hauser entfernt dafür ein Stück von der Haut des Pilzes, schneidet eine kleine Ecke vom Hutfleisch heraus und legt sie vorsichtig auf die Zunge. Einen bitteren Pilz könne man auf diese Weise schnell entlarven. Wichtig sei, das Probierstück wieder aus dem Mund zu spucken. Pilze aus dem Wald sollte man allein aus hygienischen Gründen nicht roh verzehren.

Hilfe und Beratung rund um den Pilz

Giftinformationszentrum Nord: Tel. (0551) 192 40 (24 Stunden am Tag)

  • Speisepilzberatung der Kieler Pilzfreude in ganz SH:
  • Kiel-Süd: Frau Hauser, Tel. (0170) 386 16 98
  • Kiel-Ostufer: Herr Tänzer, Tel. (0160) 291 78 34
  • Kiel-Nord / Dänischer Wohld: Frau Kamke, Tel. (0172) 416 92 37
  • Barkauer Land (Kreis Plön): Frau Lebold, Tel. (0179) 689 49 29
  • Kreis Segeberg: Frau Detloff-Scheff, Tel. (0173) 593 75 14
  • Aukrug und Umgebung: Frau Dr. Engler, Tel. (0151) 20 96 43 42

Weitere Infos finden Sie auf der Homepage.

Das Körbchen füllt sich

Auf unserer Tour durch den Wald entdecken wir noch so manchen Pilz, der in unserem Körbchen landet: Wir finden eine ganze Gruppe junger Semmelstoppelpilze, ein paar Trompetenpfifferlinge und Flaschenstäublinge. Ohne die fachkundige Bestimmung der Sachverständigen hätte ich die meisten Pilze stehen gelassen. Hauser sammelt am liebsten Waldchampignons - da haben wir allerdings an diesem Tag kein Glück. Gerade bei Champignons sei allerdings Vorsicht geboten: "Unter den 60 Champignonarten gibt es auch einen giftigen Vertreter, der starkes Erbrechen auslösen kann. Das wissen viele gar nicht."

Was tun bei Unsicherheit und im Notfall?

Wer einen Pilz kennenlernen und fachgerecht bestimmen möchte, sollte ihn immer mit dem Fuß aus dem Boden drehen, erklärt Hauser. Das sei unabdingbar für eine korrekte Bestimmung. Bestimmungsbüchern und entsprechenden Smartphone-Apps steht die Pilzsachverständige skeptisch gegenüber, denn dort würden nicht immer alle Pilze und Möglichkeiten aufgezeigt. Stattdessen empfiehlt sie, die Pilze einem Experten vorzulegen. Ist ein Pilz schon gegessen und treten Vergiftungssymptome oder Zweifel auf, hilft der Giftnotruf weiter. "Symptome können bei einzelnen Pilzen erst Tage später auftreten", warnt Vivien Hauser.

Größte Gefahr in Schleswig-Holstein: der Knollenblätterpilz

Bei uns in Schleswig-Holstein gibt es große Probleme mit der Verwechslung von Champignons mit dem grünen Knollenblätterpilz. Der Champignon kommt relativ häufig vor. Er hat gefärbte Lamellen, einen Ring und keine Knolle. Der Knollenblätterpilz hat weiße Lamellen, einen Ring und dazu eine Knolle - also einen verdickten unteren Teil. Das Hauptproblem: Er hat durchaus einen guten Geschmack. Das heißt, beim Essen merkt man die Verwechslung nicht unbedingt. Wird die Vergiftung nicht behandelt, zerstört sie allerdings die Leber und kann tödlich enden. Hauser bekräftigt daher: "Wer Speisepilze mit Lamellen sammelt, der muss den Knollenblätterpilz einfach kennen!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.09.2017 | 15:00 Uhr

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