Stand: 03.03.2016 20:51 Uhr

"Horchis" helfen - wie Kinder hören lernen

von Tobias Gellert

Der kleine Ilja aus Stockelsdorf im Kreis Ostholstein zappelt in seinem Kinderwagen. Mama Lina Stark hat ihm gerade seine "Horchis" in die Ohren gesetzt. "Horchis" - so nennen sie seine kleinen blauen Hörgeräte, die er seit seinem dritten Lebensmonat trägt. "Ich merke wirklich, dass er damit besser hört", freut sich die junge Mutter. Ilja hat eine Hörschädigung im Innenohr - so wie etwa 1.000 weitere Kinder in Schleswig-Holstein. Früher hätten sie ihr Gehör in der Regel wohl komplett verloren. Heute gibt es Behandlungsmöglichkeiten.

Die kleinen Helfer im Ohr der Kinder

Eine Innenohr-Hörschädigung betrifft die sogenannte Hörschnecke. Der Schall von außen setzt bei einer gesunden Schnecke die Innenohrflüssigkeit in Bewegung. Diese berührt winzige Härchen - die Anfänge von Nervensträngen. Durch die Bewegung der Härchen entstehen elektrische Impulse, die als Töne an unser Gehirn weitergeleitet werden. Diese Härchen sind bei hörgeschädigten Kindern nicht funktionsfähig.

Auch bei der 18 Monate alten Leetje Emilie aus dem Kreis Segeberg stellte der Arzt während der sogenannten U2-Untersuchung am fünften Lebenstag fest, dass mit dem Gehör etwas nicht stimmt. "Wir wollten das erst gar nicht wahrhaben", erzählt Mutter Kathrin. Zwei Termine bei Fachärzten später war klar: Das Kind muss in der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) genau untersucht werden.

"Die Diagnose hat uns umgehauen"

In der Pädaudiologie führten die Audiometrie-Assistenten ein spezielles Hörscreening durch. "Die Diagnose Innenohr-Schwerhörigkeit hat uns dann doch ziemlich umgehauen", erinnert sich die 33-jährige Mutter. "Doch die Angst war schnell verflogen, denn uns wurde genau erklärt, wie es weitergeht und vor allem, dass die Diagnose kein Anlass zur Trauer ist, sondern auch die Chance, sich intensiv mit der Welt des Hörens zu befassen."

Leetje Emilie bekam einen Termin bei einem speziell für Kinder ausgebildeten Hörgeräteakustiker in Bad Oldesloe (Kreis Stormarn). Es wurden Abdrücke des Ohres gemacht. Nach ein paar Wochen waren ihre ersten pinkfarbenen Hörgeräte fertig - mit kleinen Herzchen auf den Ohrstücken. "Für uns heute ein Ohrschmuck und für die Kleine mittlerweile absolut normal, weil sie merkt, dass sie damit ganz toll hören kann."

Professor: Kinder haben weniger Probleme als die Eltern

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"Kinder, die von Anfang an mit Hörgeräten aufwachsen, haben meistens überhaupt keine Probleme damit. Da sieht es bei einigen Eltern schon anders aus", erzählt Professor Rainer Schönweiler. Er ist Leiter der Sektion Phoniatrie und Pädaudiologie der HNO-Klinik und der Hörscreening Zentrale Schleswig-Holstein auf dem Campus des UKSH in Lübeck. "Am Anfang gibt es oft den Schock und die Frage: Warum mein Kind? Dabei sollten sich die Mutter und der Vater mit der Diagnose beschäftigen und dem Kind die Ängste nehmen - der Schreck muss nicht sein", sagt Schönweiler. Eins von 750 Kindern im Land habe diese Hörschädigung. "Es ist die am meisten auftretende Behinderung bei Neugeborenen überhaupt", berichtet er, "doch sind Hörschädigungen exzellent zu behandeln."

Hörgeräte sorgen dafür, dass Kinder mit mittlerer Hörschädigung so normal hören können wie Kinder ohne die Behinderung. Es gibt keine Entwicklungsstörungen. Waren die Akkus von implantierbaren Hörsystemen vor einigen Jahren noch so groß, dass man sie am Gürtel tragen musste, so sind sie heutzutage etwas größer als herkömmliche Hörgeräte. Sie bestehen aus zwei Teilen. Einem, das hinter dem Ohr getragen wird. Und unter der Haut wird ein flacher Teil implantiert. Beide Teile haben Spulen, die mittels Magneten aufeinander - über und unter der Haut - sitzen und Geräusche digital weitertransportieren.

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Kinder mit Hörschädigung werden in Schleswig-Holstein zusätzlich von Pädagogen des Landesförderzentrums Hören und Sprache in Schleswig unterstützt. Die Schule wird vom Land getragen und gefördert. Hörgeschädigte Kinder bekommen einen Betreuer oder eine Betreuerin - in der Regel ausgebildete Sonderschullehrer - an die Seite gestellt, die Kind und Eltern regelmäßig besuchen, mit ihnen spielen und beobachten, wie das Kind hören lernt. Diese Berichte werden den behandelnden Ärzten zur Verfügung gestellt. Zusammen mit den Hörscreenings, die alle sechs Monate durchgeführt werden, können die Experten genau verfolgen, wie sich die Hörschädigung entwickelt: ob sie sich verschlechtert, verbessert oder gleichbleibend ist.

"Bei 30 Prozent der Kinder mit Innenohr-Hörschädigungen verschlechtert sich die Krankheit bis zum 18. Lebensjahr - aber auch das ist kein Grund für das Kind oder die Eltern, den Kopf hängen zu lassen. Denn die Technik entwickelt sich immer weiter", sagt Schönweiler: "Und Wissenschaftler forschen auch an Medikamenten, die die genetisch-bedingte Hörschädigung vielleicht eines Tages sogar verbessern oder heilen kann."

Eltern sollten Hörtest ernst nehmen

Nicht ohne Stolz fügt der Professor hinzu: "In einigen Bundesländern wie zum Beispiel Baden-Württemberg oder Bremen funktioniert die Vernetzung nach der Diagnose und dem allerersten Hörscreening nicht so gut wie in Schleswig-Holstein", erzählt er. Eltern müssten dort nicht zwangsläufig weiter zum nächsten Arzt, zur nächsten Station, wie hier im Norden. Das Problem laut Schönweiler: "Viele Eltern, die den ersten auffälligen Hörtest nicht ernst nehmen, merken oft erst wenn das Kind zweieinhalb ist und schlecht Sprechen lernt, dass etwas mit dem Gehör nicht stimmt. Wir sind hier in Schleswig-Holstein schon mit die Vorreiter, denn es greift ein Zahnrädchen ins nächste - und den Kindern geht es gut."

Der kleine Ilja guckt und lacht aus seinem Kinderwagen. Vielleicht freut er sich über die Geräusche, die er mit seinen "Horchis" wahrnimmt. Iljas großer Bruder Maksim steht daneben und guckt sich das Ganze ganz genau an. "Die sind schick, die Hörgeräte", schmunzelt er.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.03.2016 | 19:30 Uhr