Stand: 29.03.2016 09:39 Uhr

Ende einer Flucht: Von Syrien auf die Hallig

von André Klohn

Die Sonne spiegelt sich über dem schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Ahmeds Blick schweift vom Wohnzimmer in die Weite des Horizonts. Nur ein Auto stört die flache Wiesenidylle zwischen zwei Warften. Seit November lebt der 32 Jahre alte Syrer mit seiner Familie auf Hallig Langeneß - 4.000 Kilometer entfernt von seinem Heimatdorf in der Nähe der syrischen Grenze zum Libanon und Israel. Den Horizont konnte er dort nicht sehen. "Ich dachte, ich wäre am Ende der Welt angekommen", sagt er über seine neue Heimat.

Flüchtlinge auf der Hallig Langeneß

Der Start war schwierig

Keine Anonymität der Großstadt, kein Problemviertel. Auf der kleinen Hallig wohnen nur 100 Menschen. Das neue Heim der Familie mit drei Kindern ist eine 95 Quadratmeter große Ferienwohnung der Petersens. "Als sie hier ankamen, fragten sie: Kommen da noch mehr?", erinnert sich Irina Petersen. Doch auch die Halligbewohner wurden mit Ungewohntem konfrontiert: Ahmeds Frau Iman trägt immer Kopftuch, mag auch nicht fotografiert werden. Auf der Hallig prallten Gegensätze aufeinander. Gleich an den ersten Tagen lernten die Syrer die Naturgewalten des Wattenmeers kennen. "Entweder war Sturm oder Regen oder einfach beides." Herbststürme peitschten über die Nordsee. Landunter. Vor allem die Dunkelheit bereitete den Flüchtlingen anfangs Probleme.

Kommunikation mit Händen und Füßen

Knapp fünf Monate später hat sich die Familie auf Langeneß eingerichtet. Die beiden älteren Mädchen besuchen die Halligschule beziehungsweise den Kindergarten, lernen jeden Tag mehr Deutsch. Die Verständigung mit den Kindern klappt prima. Die Kommunikation mit ihren Eltern fällt den Petersens dagegen noch schwer. Sie sprechen kein Arabisch, die neuen Mitbewohner im Obergeschoss kein Englisch."Es geht mit Händen und Füßen irgendwie", sagt Irina Petersen. Und manchmal auch mit Hilfe eines Dolmetschers. Einmal in der Woche fährt sie mit ihrer Tochter und Ahmed mit der Lore zum Festland. Die Tochter hat dann Klavierunterricht in Niebüll, Irina nutzt die Zeit für einen Besuch beim irakischen Kaufmann Mustafa. Dann wird mit seiner Hilfe als Dolmetscher besprochen, wo den Syrern gerade der Schuh drückt oder was ihnen fehlt.

Behörden waren anfangs skeptisch

Dass die syrische Familie auf Langeneß überhaupt eine Zuflucht finden konnte, hat mit der Hartnäckigkeit der Petersens zu tun. Familienvater Johann bringt mit seinem Holzboot und der Lore die Post auf die Halligen Oland, Langeneß, Gröde und Habel. Als er die Bilder aus dem Krieg in Syrien und das Leid der Menschen sah, wollte er helfen, durfte aber nicht. Man könne hier niemanden rüberschicken, hieß es in der Ausländerbehörde des Kreises Nordfriesland zunächst, erinnert er sich. Eine Hallig ist nach Ansicht von Schleswig-Holsteins Flüchtlingsbeauftragtem Stefan Schmidt nicht wirklich ideal für Flüchtlinge. "Wenn es aber klappt und noch dazu der Kontakt zur Familie besteht, ist das für eine Integration natürlich das Beste."

Am Anfang war die Familie entsetzt

Schließlich stimmten die Behörden angesichts der vielen Flüchtlinge zu. Am 2. November holten die Petersens die syrische Familie in Niebüll ab, fuhren sie mit der Lore nach Langeneß. "Die waren ziemlich entsetzt", sagt Johann Petersen. Ihren Nachbarn auf der Hallig erzählte die Familie zunächst nichts. "Das Ganze hätte ja auch schiefgehen können." Ging es aber nicht. Die Syrer fühlen sich dort wohl. "Das Gros der Halligbewohner ist ganz angetan."

Ahmed ist eine gefragte Arbeitskraft

Ahmed will arbeiten, so schnell es geht. Sein Wunsch ist ein Job als Fahrer, wie er ihn in seiner Heimat hatte, erzählt er. Er würde aber auch in der Landwirtschaft helfen. Dass er mit Tieren umgehen kann, hat er bereits bei der Arbeit mit den Highland-Rindern der Petersens bewiesen. Junge Familien fehlen auf den Halligen, Arbeitskräfte werden dort eigentlich immer gesucht. "Wir haben schließlich ein kleines demografisches Problem", sagt Petersen. "Die anderen hier fragen mich schon immer: Können wir den nicht auch mal haben?" Ahmed kann sich durchaus vorstellen, auf der Hallig zu arbeiten, um seine Familie zu versorgen: Ob sie dort für immer bleiben wollen, kann er aber noch nicht sagen.

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