Stand: 02.05.2017 16:51 Uhr

Eine Nacht durchballern - im Jugendzentrum

von Astrid Wulf

"Fabi, stell dich darauf ein, vernichtet zu  werden." Doch Fabian prustet nur lässig, blickt konzentriert auf seinen Bildschirm und tippt in die Tastatur. Er macht sich für eine Runde Counterstrike bereit. Seine beiden Mitspieler sitzen links neben ihm. "Ich muss mir noch eine Waffe aussuchen", murmelt er. An mehreren langen Tischreihen sitzen etwa 15 Spieler vor ihren Laptops und Monitoren, die meisten von Ihnen sind Jungs. Sie sind hier, um die bei Jugendlichen beliebten Strategie-und Egoshooter-Spiele zu spielen: Counter Strike, World of Warcraft, League of Legends und mehr. Einige sind allein gekommen - oder gleich mit ihren Freunden so wie Fabian. Sie kommunizieren während des Spiels über Headsets miteinander. Veranstaltungsort dieser LAN-Party ist die Aula einer Lauenburger Gemeinschaftsschule.

Gespielt wird bis zum nächsten Morgen

Fabian flucht. "Jetzt bin ich schon wieder tot." Auch wenn diese Runde für ihn nicht besonders gut lief: Dem 16-Jährigen macht es mehr Spaß, hier gemeinsam mit anderen zu spielen als alleine zuhause vorm Rechner zu daddeln.  Alle Jugendlichen, die hier am späten Abend noch sitzen, sind über 16, die meisten sind jedoch noch nicht volljährig. Videospiele, die erst ab 18 freigegeben sind, sind heute für alle tabu. Die Teilnehmer haben sich mit Chips, Süßigkeiten, Eistee und Energydrinks eingedeckt, die Nacht wird schließlich lang. Das Besondere: Die ganze Zeit über werden Betreuer des Lauenburger Jugendzentrums dabei sein.

Ziel: Ins Gespräch kommen

Stadtjugendpflegerin Friederike Betke und ihre Kollegen wollen mit der Aktion Jugendliche ansprechen, die ansonsten eher allein vorm Rechner sitzen. Auch wenn hier unter anderem Spiele auf den Rechnern laufen, die Kritiker als "Ballerspiele" bezeichnen, waren die Reaktionen auf die ungewöhnliche Aktion überwiegend positiv, sagt sie. "Wir wollen über das, was sie so oder so zuhause machen mit ihnen ins Gespräch kommen und auch zur Reflexion anregen."

Bewegungsspiele für die Jüngeren

Jugendbetreuer Mario Contino sitzt mit Pia und Justin bei der Abschlussrunde. Die beiden 12-Jährigen werden gleich von ihren Eltern abgeholt, sie konnten tagsüber verschiedene altersgerechte Videospiele ausprobieren. Zu Beginn der LAN-Party haben die jungen Teilnehmer Vor- und Nachteile des Videospielens benannt und an einer Pinnwand befestigt. "Mit Freunden spielen", steht auf der Pro-Seite, "Suchtgefahr" gegenüber. Nun sollen die unter 16-Jährigen ihr Fazit ziehen, und Pia ist begeistert von der LAN-Party. Sie hat Spiele getestet, die sie noch nicht kannte. Justin fand es gut, gemeinsam mit anderen zu spielen. Zum Abschluss spielt Pia noch gemeinsam mit ihrem Vater eine Runde vor der großen Leinwand. Wild springen sie hin und her und lenken so gemeinsam ein virtuelles Schlauchboot über einen reißenden Fluss.

Experten uneinig über Wirkung

Betreuer Mario Contino findet es wichtig, vor allem die Älteren für die Eigenheiten von Egoshooter-Spielen wie Counter Strike zu sensibilisieren. "Da versuchen wir auch, denen klarzumachen, dass es zum Teil gewaltverharmlosend ist." Ob sich solche Spiele negativ auf die Entwicklung Jugendlicher auswirken oder gar aggressiv machen, ist unter Experten umstritten. Der Psychologe Malte Elson von der Uni Bochum forscht zu Gewalt in Videospielen. Er geht davon aus, dass von Egoshootern keine Gefahr ausgeht. Belege dafür, dass sie Jugendliche möglicherweise sogar zu Amokläufern machen, gebe es nicht, sagt er. Der Wissenschaftler findet die Idee, die jungen Leute gemeinsam unter professioneller Betreuung spielen zu lassen, genau richtig. "Diese Spiele werden so oder so gespielt, ob Erwachsene dabei sind oder nicht", sagt der Experte. "Es macht Sinn, sich das näher anzugucken. Auch um zu verstehen, was Kinder und Jugendliche heute in ihrer Freizeit machen."

Konzept aufgegegangen

Die Betreuer des Jugendzentrums stellen den jungen Spielern zur Stärkung Thunfisch- und Salamipizzen auf den Tisch. Friederike Betke und ihre Kollegen sind zufrieden mit der LAN-Party. Es sei ihnen gelungen, neue Jugendliche für ihre Angebote zu interessieren, viele von ihnen sehe sie das erste Mal. Sie zu begutachten und einzuschätzen, ob sie zum Beispiel zu viel vorm Rechner hängen, sei jedoch nicht die Aufgabe der Betreuer. "Wenn ein Jugendlicher Probleme hat, dann kommt der schon", sagt die Chefin des Jugendzentrums. "Und dann sind wir da und wissen auch, wo wir weiterhelfen können."

Kein erhobener Zeigefinger

Wahrscheinlich trägt diese Haltung der Jugendbetreuer dazu bei, dass sich die Jugendlichen auf diese besondere LAN-Party einlassen. Der 16 Jahre alte Fabian findet es jedenfalls in Ordnung, dass sie ihm beim Counter Strike-Spielen ab und zu über die Schulter gucken. "Wenn da Betreuer sind, die nicht so spießig sind wie andere Erwachsene, die sagen: 'Die Spiele sind für Kinder nicht geeignet, weil sie zu Amokläufern werden' - dann ist das korrekt."

Counter-Strike unter Beobachtung

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 02.05.2017 | 19:30 Uhr

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