Stand: 11.01.2017 20:50 Uhr

Ein Pottwalskelett und seine Geschichte

von Lukas Knauer

Noch hat sich nicht viel getan im Naturzentrum auf Amrum. Der Boden und die Wände des zukünftigen Ausstellungsraums sind weiß gefliest - die Vertiefung in der Mitte war früher mal ein Schwimmbecken. Hier sollte eigentlich bis kurz vor Ostern ein Walskelett stehen und an den Wänden Infotafeln hängen. "Elektriker und Heizungsinstallateure hätten schon längst da sein müssen", sagt Zentrumsleiter Christian Vogel. Waren sie aber nicht. Es gab wohl Abstimmungsprobleme. Im Nebenraum liegen die Walknochen. Rippen und Wirbel sind feinsäuberlich aufeinandergeschichtet, der gewaltige Schädel liegt auf einer Holzpalette daneben.

Pottwal: Aus der Nordsee auf die Insel

Puzzle bis Sommer fertig?

"Unser Ziel ist jetzt, zu Beginn der Sommersaison fertig zu werden", meint Jens Quedens. Der Gründer des Naturschutzvereins "Öömrang Ferian" (Verein für Amrum) hat dafür gesorgt, dass das Walskelett auf die Insel kommt. Das Nationalparkamt Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer hatte ihm den Wal angeboten. Über die Kosten hatte er sich zu jenem Zeitpunkt noch keine Gedanken gemacht.

13 Wale vor Schleswig-Holstein verendet

Rückblick: Anfang Januar 2016 verbreitet sich die Nachricht rasend schnell: "Tote Wale an der Nordseeküste angeschwemmt." Medien aus der ganzen Bundesrepublik berichten über das Walsterben. Allein an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste werden im Frühjahr 13 Wale angeschwemmt, acht davon vor Dithmarschen. Einige lebendig, viele tot. Die Knochen im Amrumer Naturzentrum stammen von einem Wal, der genau vor einem Jahr vor der Insel Helgoland in der Nordsee trieb.

Auf Nordstrand (Kreis Nordfriesland) bearbeiten Mitarbeiter des Schleswig-Holsteinischen Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz, Tierärzte der Tierärztlichen Hochschule Hannover und Mitarbeiter des Deutschen Meeresmuseums den etwa 15 Tonnen schwere Koloss. Zwei Bagger verfrachten die Einzelteile in große Container - sortiert nach Knochen und Fleischresten. Kein leichtes Unterfangen, denn verwesendes Walfleisch stinkt bestialisch.

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Knochenjob: Pottwal-Skelett auf Amrum angekommen

Das Pottwal-Skelett ist auf Amrum angekommen. Der Transport der 153 Einzelteile war nicht so einfach. Neben einem Lastwagen waren auch eine Fähre, ein Gabelstapler und Muskelkraft im Spiel. (24.10.2016) mehr

Spülmittel löst Knochen von den letzten Fleischresten

In seine Einzelteile zerlegt und vom Großteil des verwesenden Fleisches befreit, wird der Walkadaver nach Bremerhaven gebracht. Dort präparieren ihn Experten: In einem Container werden die Knochen in 50 Grad warmem Wasser für einige Wochen gebadet. Unter das Wasser mischen die Präparatoren Spülmittel, damit sich auch die letzten Fleischreste von den Knochen ablösen. Einige Monate später ist es dann endlich soweit: Am 25. Oktober wird der Container samt Walknochen per Lkw und Fähre auf die Insel Amrum gebracht.

Mehr als 100 Schaulustige erleben hautnah mit, wie die Präparatoren den Container öffnen. Zum Vorschein kommen die beigefarbenen Knochen - die Wasser-Spüli-Mischung hat gewirkt. Die Fleischreste haben sich komplett aufgelöst. Da der Lkw nicht bis direkt vor den neuen Ausstellungsraum fahren kann, dürfen die Schaulustigen selbst mit Hand anlegen: Sie tragen kurzerhand die Rippen und Wirbel die letzten 200 Meter durch die Dünen. "Das ist ein Erlebnis, das hat man nicht alle Tage", sagt Naturzentrum-Leiter Vogel mit einer Wal-Rippe in der Hand.

Probleme bereiten der Schädel - und die Finanzierung

Schwierig wird es erst, als der etwa dreieinhalb Meter breite und eineinhalb Meter hohe Walschädel durch die enge Hintertür des Naturzentrums passen muss. Nur mithilfe eines Amrumer Reetdachdeckers können die Helfer den 750-Kilo-Schädel durch die Tür bugsieren.

Bis heute haben Quedens und Co. rund 19.000 Euro an Spenden eingenommen - doch diese Summe reicht bei weitem nicht aus, um alle Kosten zu decken. Quedens rechnet vor: 100.000 Euro für Transport und Präparation, nochmal 100.000 Euro für eine große Ausstellung und 75.000 Euro für die Sanierung des künftigen Ausstellungsraums. Immerhin: das Umweltministerium, die "AktivRegion Schleswig-Holstein" und die Umweltlotterie "Bingo!" geben zusammengerechnet rund 150.000 Euro. Etwa 100.000 Euro fehlen den Amrumern noch - damit ihre neue Attraktion auch wirklich ihnen gehört.

Der Schädel eines Pottwals wird verladen.

Ein Pottwal-Skelett zieht nach Amrum

Schleswig-Holstein Magazin -

In 153 Einzelteile zerlegt wurde ein Pottwal-Skelett von Dagebüll nach Amrum transportiert. Neben einem Lastwagen waren zahlreiche Helfer im Einsatz.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 12.01.2017 | 10:30 Uhr