Stand: 31.10.2015 17:34 Uhr

Durchatmen in Kieler Flüchtlingsunterkünften

Jedes Bändchen steht für einen Wartetag in Kiel.

In Kiel enstpannt sich die Flüchtlingssituation wieder etwas. Wie Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken mitteilte, hat sich die Zahl die Transitflüchtlinge in den beiden Notquartieren in der Markthalle und im ehemaligen C&A-Kaufhaus auf etwas über 500 eingependelt. In der Nacht zuvor mussten 850 Flüchtlinge untergebracht werden. Die große Mehrzahl der Menschen möchte nach Schweden weiterreisen. Aufgrund der Ferienzeit sind die Schiffe der Stena Line aber gut gebucht. Für die beiden Abfahrten an diesem Wochenende Richtung Göteborg wurden deshalb nur 135 Tickets verteilt. Das hat sich laut Stadt unter den Flüchtlingen herumgesprochen.

Bunte Bändchen für den Weg nach Schweden

Bei der Zuweisung der Tickets durch die Polizei spielten sich teilweise dramatische Szenen ab, berichtet ein Reporter des Schleswig-Holstein Magazins. Männer, Frauen und Kinder reckten ihre Arme mit bunten Bändchen in die Höhe: jedes Bändchen symbolisiert einen Wartetag in Kiel. Tickets erhielten in erster Linie Flüchtlingsfamilien aus Syrien, die bereits seit fünf, vier und drei Tagen in Kiel ausharren. Neue Tickets werden erst am Montag wieder verteilt. Der Andrang in Kiel ist Folge von Kontrollen auf der bisherigen Hauptreiseroute der Flüchtlinge durch Dänemark. Seit Mittwoch wurden ein Bus und zwei Züge von der dänischen Polizei kontrolliert und alle mitfahrenden Flüchtlinge "zwangsregistriert", sagt Nicolas Jähring vom "Refugees Welcome"-Team am Flensburger Bahnhof.

Andere Route nach Schweden

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Wird erneut von der Stadt Kiel als Notunterkunft für Transitflüchtlinge genutzt: das leerstehende C&A-Gebäude in der Innenstadt.

Seit Freitag sind kaum neue Flüchtlinge an der dänischen Grenze angekommen. Nach Angaben des Flensburger Helfernetzes sind wieder Busse mit Flüchtlingen bis nach Schweden gefahren. Die Helfer gehen davon aus, dass es zumindest am Wochenende keine Kontrollen durch die dänische Polizei geben wird. Dass es in Dänemark Probleme gegeben hat, hat sich aber bis nach Hamburg herumgesprochen. Nach Kenntnis der Flensburger Helfer sind die Flüchtlinge gut vernetzt. Von Hamburg aus fuhren deshalb Hunderte Flüchtlinge nach Kiel, um von dort aus nach Schweden zu gelangen. Bereits am Donnerstag hat die Stadtverwaltung erneut das ehemalige C&A-Gebäude in Hafennähe in Beschlag genommen, um dort über Nacht Flüchtlinge unterzubringen. So soll verhindert werden, dass Flüchtlinge in den kommenden Tagen ohne Dach über dem Kopf in der Kälte ausharren müssen. Sorge bereitet der Stadt auch, dass in Rostock keine weiteren Transitflüchtlinge mehr aufgenommen werden können. Dadurch werde die Situation in Kiel möglicherweise noch verschärft.

Helfer: Fahrt durch Dänemark auf eigene Verantwortung

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Aufgrund der Kontrollen hatte Jährings Team "Refugees Welcome" seine Transithilfe am Donnerstag bis zum Sonnabendmittag eingestellt. Zur Begründung hieß es, guten Gewissens wollte man keinem Flüchtling mehr dazu raten, sich für den Weg nach Schweden in einen Bus oder eine Bahn zu setzen, der durch Dänemark fährt. Die Flensburger Helfer sprachen von "Willkür" und "Abschreckungsmaßnahmen" der dänischen Polizei. Zur Zeit informieren die Helfer die Flüchtlinge darüber, dass vermutlich am Wochenende nicht kontrolliert wird. Zuvor hatten die Polizisten die Flüchtlinge gefragt, ob sie Asyl beantragen wollen, erklärte Jähring. Wer bejahte, sei in ein dänisches Flüchtlingslager gebracht worden - wer verneinte, zurück nach Deutschland. Eine Sprecherin der dänischen Polizei wies Vorwürfe zurück und sprach von Routinekontrollen, wie sie seit Langem üblich seien.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 31.10.2015 | 19:30 Uhr