Stand: 29.12.2015 12:02 Uhr

"Der Umstieg muss schneller gehen"

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Umweltorganisationen fordern, dass die Reeder sauberen Treibstoff einsetzen.

Schiffe auf Nord- und Ostsee haben seit einem Jahr deutlich strengere Abgasauflagen. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Reeder halten sich die meisten Schiffe an die neue Richtlinie. Umweltschützer sind mit der Umsetzung der Vorgaben dagegen deutlich unzufriedener und fordern neue Schritte. So auch Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim Naturschutzbund Deutschland (NABU).

Herr Oeliger, seit Anfang des Jahres gelten die neuen, strengeren Regeln für Schiffahrtstreibstoffe in Nordeuropa. Halten sich nach Ihren Informationen die Reeder an die neue Vorschrift?

Dietmar Oeliger: Zahlen dazu gibt es leider noch keine, aber es ist davon auszugehen, dass sich längst nicht alle Reeder an die Vorschriften halten. Anders ist es nicht zu erklären, dass Reedereien wie Maersk und Hapag-Lloyd, immerhin die ganz Großen der Branche, strengere Kontrollen fordern. Ein sehr ungewöhnlicher Vorgang, der vermuten lässt, dass sich deutsche und dänische Reeder in der Regel daran halten, andere Akteure aber nicht und damit einen Wettbewerbsvorteil haben.

Wird aus Ihrer Sicht ausreichend kontrolliert?

Oeliger: Nein, kontrolliert wird leider viel zu wenig. Maersk erklärte bereits, dass nur eine von dreitausend ihrer Fahrten kontrolliert werden. Die Wahrscheinlichkeit, beim Betrug erwischt zu werden, geht also gegen Null. Hinzu kommt: Die Strafen sind lächerlich gering und liegen bei wenigen tausend Euro je Vergehen. Diesen Betrag spart ein Reeder in wenigen Minuten ein, wenn er verbotenerweise weiterhin mit schmutzigem Kraftstoff fährt.

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Wird das Ziel, bessere Luft in den Hafenstädten und entlang der Küste zu bekommen, durch die neue Vorschrift erreicht? Was müsste sich ändern?

Oeliger: Die neuen Schwefel-Regeln in Europa sind ein erster wichtiger Schritt, reichen aber alleine nicht aus. Wir brauchen weltweit schnellstmöglich den Umstieg auf saubereren Kraftstoff. Der Betrieb mit Flüssiggas (LNG) ist eine Option, aber auch der Einsatz ganz normalen Diesels in Verbindung mit Katalysator und Partikelfilter könnte die größten Gefahren bannen. Man darf nicht vergessen: Der jetzt erlaubte Kraftstoff ist immer noch mehr als hundertmal schmutziger als Lkw-Diesel. Die Schifffahrt genießt ein Verschmutzungsprivileg, das nicht länger hinnehmbar ist.

Viele Reeder nutzen sogenannte Scrubber, um die Abgase der Schiffe zu waschen und so die Richtlinie zu erfüllen. Ist das aus Ihrer Sicht eine akzeptable Lösung?

Oeliger: Nein, Scrubber verschieben das Problem nur, lösen es aber nicht. Statt den Schwefel in die Luft zu blasen, wird er teilweise ins Meer geleitet. Scrubber zögern den Abschied vom giftigen Schweröl auch weiter hinaus. Im Fall einer Havarie ist Schweröl für die Umwelt ungleich problematischer als Diesel. Auch das Umweltbundesamt hat auf die Gefahren von Scrubbern hingewiesen.

Als Endprodukt der Abgaswäsche in den Scrubbern wird eine Art wässrige Gipslösung ins Meer eingeleitet. Haben Sie Erkenntnisse wie sich diese Einleitung auf Flora und Fauna im Meer auswirkt?

Oeliger: Bei wenigen Schiffen mit Scrubbern ist das Problem überschaubar. Wenn aber ab 2020 immer mehr Schiff diese Technik benutzen würden, wären die Schwefelkonzentrationen teilweise bedrohlich für die Meeresflora und Fauna. Nicht umsonst ist das Einleiten der Abfälle im Hafen heute schon verboten.

Was müsste aus Ihrer Sicht noch getan werden, um die Luft über den Meeren und in den Hafenstädten nachhaltig zu verbessern?

Oeliger: Der Einsatz von sauberem Kraftstoff und Abgastechnik ist das A und O. Die Schifffahrt muss den gleichen Weg gehen, wie Pkw und Lkw. Auch dort hat es lange gedauert, bis man sich von verbleitem, schwefelhaltigem Kraftstoff abgewendet und Katalysatoren sowie Partikelfilter eingesetzt hat. Der Umstieg muss jedoch schneller gehen, denn die Technik ist nun vorhanden und die Umweltbelastung steigt.

Das Interview führte Sebastian Baak, NDR 1 Welle Nord.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 29.12.2015 | 12:00 Uhr