Stand: 30.10.2015 07:00 Uhr

Das kühle Lager aus Kiel

von Maja Bahtijarević

Die braunen Flaschen mit der handgemalten Zeichentrick-Figur stehen kalt in den Kühlschränken vieler Bars und auch schon in einem Supermarkt in in Kiel. "Lille läuft" prangt auf dem schwarzen Etikett: Es ist der Name des ersten Kieler Craft-Bieres, erfunden und gebraut von den Designern Florian Scheske und Max Kühl.

"Brauen ist ein Designprozess"

Fünfteilige Start-up-Serie bei NDR.de

Mit der eigenen Idee durchstarten? Klingt verlockend. Einige Schleswig-Holsteiner haben den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Wir stellen fünf Start-ups vor.

Die Gründer berichten uns über Herausforderungen, Startschwierigkeiten - und natürlich auch über ihre Erfolgserlebnisse. In unseren Geschichten geht es aber nicht nur um Firmenkonzepte und Finanzen, sondern um die Menschen dahinter.

Zwei Absolventen der Muthesius Kunsthochschule brauen Bier - etwas, das auf den ersten Blick nicht viel mit Design zu tun hat. Doch für Kühl sind die Disziplinen sehr ähnlich: "Bierbrauen ist ein Prozess - genauso wie das Designen." Der in den USA geprägte Begriff "Craft Beer" beschreibt im Grunde handwerklich hergestelltes Bier, als Gegensatz zu industriell produziertem. Da in Deutschland aber viele Brauereien immer noch traditionell und somit handwerklich brauen, wandelte sich die Bedeutung des "Craft": Den Brauern geht es darum, mit völlig neuen Geschmäckern und Aromen zu experimentieren, zum Beispiel dem Bier eine Kaffeenote zu verpassen.

Das gemeinsame Projekt entsprang aus dem Wunsch Scheskes und Kühls, mal etwas zusammen zu machen. "Wir kannten uns als Kommilitonen, haben uns aber immer gut verstanden", erzählt Kühl. Von einen Trip in Australien, wo die Craft-Bier-Szene stärker ausgeprägt ist als hier, brachte Scheske die Idee für das gemeinsame Projekt mit. Kurz darauf stand ein Laborgerät in der Küche, die beiden saßen in Braukursen, zeichneten Logos und gründeten "Lillebräu". "Wir haben uns gesagt: Wir machen einfach das Bier, das uns schmeckt", erinnert sich Scheske. In der Szene herrsche ein sehr großer sozialer Austausch, die Braumeister geben sich gegenseitig Tipps und brauen auch zusammen. "Da hatten wir aus dem Internet gleich ein Rezept", sagt Scheske, "und die Offenheit in der Szene fanden wir richtig gut."

Die ersten drei für die Säue

Wenn sich die Jungunternehmer an ihr erstes Bier erinnern, müssen sie lachen. "Das war so bitter, alter Schwede! So richtig heftig", erzählt Kühl mit großen Augen. Das zweite war auch nicht viel besser, fügt Scheske hinzu: "Wir haben ein Kölsch gebraut, und das ist uns umgekippt. Das war ekelhaft." Ein paar Versuche vergingen, bis sie das erste trinkbare Getränk produziert hatten. Scheske und Kühl nahmen es locker mit einem Spruch aus der Bierbrauer-Szene: "Die ersten drei für die Säue!" Sie haben sich nicht entmutigen lassen. Seit den ersten Versuchen ging es stetig aufwärts, die beiden verbrachten viel Zeit in ihrer Brauküche und probierten verschiedene Rezepte aus. Zu Weihnachten im vergangenen Jahr stand schließlich das finale Rezept. "Das haben wir dann in gereinigte Bügel-Pfandflaschen abgefüllt", sagt Kühl stolz, "doch das Allererste ist noch unangerührt, das haben wir natürlich aufgehoben."

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In der Gastronomie kostet Craft-Bier in Regel einen Euro mehr als normales Pils. "Es ist in der Qualität, in der wir es bringen, nicht günstiger zu produzieren," erklärt Scheske. Die erste Marge von 3.000 Litern brauten sie zu Ostern in ihrer Küche. "Die Logistik dafür war ein Problem. Die Flaschen abfüllen, etikettieren, verkorken und ausfahren - das war zu zweit fast nicht machbar." Seitdem mieten sie sich als "Kuckucksbrauer" bei Brauereien ein: "Lillebräu" liefert das Rezept, den Rest erledigt die Brauerei.

Noch hat das Unternehmen nicht genug Geld abgeworfen, dass sich Scheske und Kühl ein Gehalt auszahlen konnten. Doch das erste Jahr ist so erfolgreich, dass sie es mit einer schwarzen Null abschließen werden. "Wir planen ab Januar, von unserem Bier zu leben. Momentan trägt es sich selbst, aber wir rechnen fest damit, dass wir ab Frühling in die Gewinnzone kommen und bis Mitte des Jahres unseren Kredit abbezahlt haben."

In der Kellerküche zum eigenen Bier

Das Ziel bis Ende des Jahres: 20.000 Liter produzieren

Und die Chancen stehen gut, denn die Nachfrage steigt stetig: Weitere Supermärkte in Kiel möchten "Lille" in ihre Regale stellen, und auch ein paar ausgewählte Bars in Hamburg verkaufen schon das Craft-Bier. Bis zum Ende des Jahres wird "Lillebräu" 20.000 Liter Bier produziert haben, unter anderem auch eine Sommersorte. Es ist ein guter Start für das Start-up-Unternehmen. "Weil alles bisher so glatt lief, waren wir immer ermuntert, weiterzumachen. Und seit unserem Studiumabschluss im Sommer sind wir nun hauptberuflich Bierbrauer", sagt Kühl und grinst zufrieden.

Gekommen, um zu bleiben

Für das Studium kamen Scheske und Kühl unabhängig voneinander aus Hamburg nach Kiel - beide mit dem Plan im Hinterkopf, danach wieder zurückzugehen. Doch seitdem sie gekommen sind, haben sie Kiel sehr zu schätzen gelernt, sagt Kühl. "Mit der Alten Mu passierte auf einmal was, viele suchen ihre Lebensperspektive hier." Die Alte Mu ist ein Kulturverein, der in den alten Räumen der Muthesius Kunsthochschule in Kiel Platz für Start-ups und Nachhaltigkeitsprojekte bietet. Für Scheske und Kühl der perfekte Ort. Und aus Kiel möchten die beiden nicht mehr weg.

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