Stand: 28.08.2014 16:20 Uhr

Kostenloses Obst für jedermann

von Maja Bahtijarevic

Es ist Zeit für leckere Brombeeren, saftige Mirabellen und knackige Äpfel - und die kann man nicht nur im Laden finden, sondern auch auf dem Weg zur Arbeit oder beim Spaziergang durch den Stadtpark. Fast an jeder Ecke verbirgt sich ein Strauch mit unentdeckten Früchten - doch die werden selten gepflückt und verderben. Die Internetseite mundraub.org möchte gegensteuern. Dort sind auf einer Karte Obstbäume oder Sträucher eingezeichnet, an denen sich offenbar jeder bedienen darf.

Auf Obstsuche

Mit Korb auf Obstsuche

Auf dem Kieler Stadtplan des Portals werde ich fündig - etwa 100 Stellen zeigt mir die Seite an, wo Früchte darauf warten, von mir oder anderen "Mundräubern" gepflückt zu werden. Ich versuche es an der Christian-Albrecht-Universität. Mit einem Flechtkorb bewaffnet, mache ich mich auf den Weg zu den Brombeersträuchern, die Nutzer sunsh1n3 in der Olshausenstraße markiert hat.

Eine gute Handvoll Beeren

An einer Bushaltestelle sollen laut Beschreibung die Beeren hängen. Und nach kurzer Zeit finde ich tatsächlich Brombeersträucher, die den Fahrradweg säumen. Viele Früchte sind schon abgepflückt, viele vertrocknet, doch in fünf Minuten habe ich eine gute Handvoll zusammen - und ein erstes kleines Erfolgserlebnis. Das Spannende an der Frucht-Schnitzeljagd: An Orten, an denen ich bereits unzählige Male vorbeigelaufen bin oder auf den Bus gewartet habe, finde ich tatsächlich kleine Leckereien.

Darf ich das eigentlich?

Einige Meter höher, am Aufgang zum Unigelände, hängen unzählige Kornelkirschen an einem Strauch. Dass sie essbar sind, erfahre ich auf der Mundraub-Internetseite von Nutzer dresch123. Doch wem gehören die eigentlich? Und darf ich sie überhaupt pflücken? "Um die Früchte schert sich hier keiner", sagt Jürgen Lentföhr, den ich zufällig treffe. Er muss es wissen, denn der gebürtige Kieler ist der Hausmeister des Instituts für Geowissenschaften. "Wir sind froh, wenn die gepflückt werden und keine Rutschfalle sind", fügt er hinzu und zeigt auf zertretene Früchte auf dem Boden.

Die Betreiber der Onlineplattform mundraub.org weisen ausführlich auf ihre "Mundräuber" Regeln hin: Verletzt keine Eigentumsrechte, geht respektvoll mit Natur und Tieren um, teilt die Ernte und engagiert euch für Obstbäume - so lautet der Tenor der Nutzungsvorschriften. Doch ob die Regeln eingehalten werden, sehe ich bei den Einträgen nicht. Daher: Im Zweifel lieber fragen.

Nachhaltigkeit ist das Stichwort

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Auf der Internetseite mundraub.org kann jeder Obstbäume an öffentlichen Orten eintragen.

Hinter der Plattform steckt mehr als nur der Wunsch, die Früchte öffentlicher Sträucher und Bäume zu ernten und sie vor dem Verderb zu schützen. Vielmehr geht es um Nachhaltigkeit. Nach eigenen Angaben setzt die Internetseite darauf, vergessene Früchte wieder in das Bewusstsein zurückzuholen und somit zu versuchen, die biologische Vielfalt zu erhalten. Eine schöne Idee: Statt die Brombeeren aus dem Supermarkt zu kaufen, die erst einmal um die halbe Welt geflogen wurden, einfach mal vor die Haustür gehen und selbstpflücken.

Viel in der Stadt, wenig auf dem Land

Im Gegensatz zu Kiels Stadtgebiet finde ich auf dem Land nicht so viele Einträge. Nutzer dresch123 hat bei Lindhöft im Kreis Rendsburg-Eckernförde einen Fundort markiert. Da er mich schon zu den üppigen Kornelkirschen geführt hat, vertraue ich seinem Eintrag und werde fündig. Direkt an der Straße finde ich einen Schlehdorn, der schon viele dunkelblaue Früchte trägt. Noch sind sie nicht reif, deshalb lasse ich sie hängen - und komme Ende September einfach noch einmal wieder.