Stand: 21.02.2016 13:51 Uhr

Winterabschied? Warum Biiken wirklich lodern

"Tjen di Biiki ön" - zündet die Biike an - heißt es allein auf Sylt heute Abend neun Mal. Gut 50 Biiken sind es auf den Inseln und Halligen sowie dem nordfriesischen Festland. Nach Nordfriesland gehört der alte Brauch. In ganz Schleswig-Holstein gibt es heute inzwischen wohl an die 70 lodernde Feuer. Seit Dezember 2014 ist die Biike "immaterielles Weltkulturerbe" (wie übrigens auch der Kölner Karneval). Und was wird gefeiert? Natürlich: der Abschied der Walfänger von den nordfriesischen Inseln ins gefährliche polare Packeis. Diese Version wird immer noch verbreitet. So erklärt es auch ganz offiziell die Nordsee-Tourismus-Service GmbH jedes Jahr. Die Geschichte ist schön - leider aber frei erfunden. Die Biike ist auch kein Fest für den tollen germanischen Gott Wodan.

Was die Biike wirklich ist ...

... weiß das Nordfriisk Instituut in Bredstedt: Wahrscheinlich ist die Biike schon in heidnischer Zeit entstanden und sollte zum Ende des Winters die bösen Geister vertreiben und die Saat schützen. Als die Menschen an der Küste Christen wurden, wandelte sich die Tradition zu einem Fastnachtsbrauch. Weil es ein fröhliches Fest war (ein Tanzfest), musste es vor der Fastenzeit gefeiert werden (siehe Köln und merke: Am Aschermittwoch ist alles vorbei).

Biike ist Friesisch und bedeutet Zeichen, Seezeichen (wie deutsch "Bake") oder Feuermal. Im Ursprung brannte vor allem auf den holzarmen Inseln und Halligen keine Holzstöße, sondern ein - relativ kleines - Feuer an der Spitze einer Stange. Das blieb lange so. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Biike als ein auf einer Stange brennendes Teerfass beschrieben. Erst danach kam auch auf die Inseln der Tannenbaum. Und der wurde schließlich zur Basis der großen Holzstöße.

Eine Legende in die Welt gesetzt

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Die schöne aber falsche Geschichte vom Abschied der Walfänger haben wir dem Sylter Lehrer und Inselchronisten C.P. Hansen zu verdanken. Der fand in den 1830er-Jahren eine kleine Chroniknotiz des Keitumer Henning Rinken aus dem Jahre 1760. Rinken vermerkte nur kurz: Am 22. Februar versammelten sich die Seefahrer, um ihre Abfahrt zu den Walfanghäfen zu vereinbaren. C.P. Hansen machte daraus "die alte Tradition", dass immer am Abend vor Petri (das ist dann der 21. Februar) die tapferen Seefahrer mit einem großen Feuer verabschiedet wurden. Damit war eine Legende in die Welt gesetzt. Ganz nebenbei hatte Hansen dem Fastnachtsfest nicht nur einen neuen Sinn gegeben, sondern es auch ganz unchristlich in die Fastenzeit verlegt.

Der neue Mythos war auch deshalb schlecht erfunden, weil der 22. Februar zumindest in der Zeit der hölzernen Segelschiffe viel zu früh lag, um auf Walfang zu gehen. Doch es war die Zeit der Romantik und die Zeit des nationalen Erwachens, die neue Traditionen brauchte. Hansen hat sie frei erfunden. Und weil er gerade dabei war, setzte er auch noch in die Welt, mit der Biike werde ein Feueropfer für den germanischen Gott Wodan dargebracht.

Mythen erfinden neue Mythen

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Kennt viele Mythen zur Biike: Historiker Thomas Steensen.

Die Geschichte zur Biike, wie sie allgemein erzählt wird, ist also schön - aber frei erfunden. Nicht zuletzt das Nordfriisk Instituut als Erforscher und Wahrer des Nordfriesischen weist seit Langem darauf hin. Institutsleiter Thomas Steensen ist jedoch nicht erstaunt, dass sich die Geschichte vom Walfängerabschied so hartnäckig hält. Die Erklärung des Professors: C.P. Hansens Version ist einfach zu schön. So schön, dass die Legende auch schon Kinder bekommen hat.

Liebestolle Männer vor Sylt?

Im Internet fand Steensen so die nette Geschichte, dass vom Festland Dänen immer sehnsüchtig auf die Sylter Biiken gewartet hätten. Das Erlöschen der Feuer sei für sie das Zeichen gewesen: Die jungen Männer hätten die Insel verlassen. Darauf sollen sie losgezogen sein, um auf der Insel um die Sylterinnen zu werben. Sind sie aber nicht, weil auch das natürlich Legende ist. Weil Legende eins nicht stimmt und die Friesen noch auf der Insel waren, hätten die liebestollen Männer aus Legende zwei nur eines bezogen: eine ordentliche Tracht Prügel.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.02.2016 | 19:30 Uhr