Stand: 05.08.2017 10:00 Uhr

Aus dem Wachkoma zum Tanzlehrer

von Astrid Wulf

"Als wir nach Hause kamen, kriegten wir die Nachricht, dass er verunglückt ist. Und da wusste ich genau, das ist kein Beinbruch. Das ist jetzt etwas Schlimmes." Luise Köppen sitzt entspannt auf ihrer Terrasse mit Blick auf den Ratzeburger See. Gefasst beschreibt sie den Tag, an dem ihr Leben von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt wurde. Ihr Sohn Ludwig, damals 19 Jahre alt, schläft am Steuer ein, sein Auto prallt gegen einen Lkw. Ludwig erleidet schwerste Verletzungen.

Komapatient erwacht und wird Tanzlehrer

Die Prognose der Ärzte: Lebenslanges Wachkoma

Sein Schädel ist an fünf Stellen gebrochen, eine wichtige Arterie im Hirn ist gerissen, ein Lungenflügel abgetrennt. Nach dem Unfall hängt der damals 19-jährige Leistungssportler und angehende Tanzlehrer wie leblos an Schläuchen. Seine blauen Augen wirken gläsern, er reagiert nicht auf seine Umwelt. Sein Gehirn war für etwa 40 Minuten ohne Sauerstoff. Die Ärzte gehen zu dem Zeitpunkt davon aus, dass Ludwig Zeit seines Lebens im Wachkoma bleibt. Seine Mutter Luise gibt sich damit nicht zufrieden. Wenn sie ihn im Krankenhaus besucht, behandelt sie ihn, als wäre er völlig gesund: "Ich habe ihm auch mal gesagt, 'jetzt stell dich nicht an wie ein Behinderter'. Auch wenn er im Koma lag, habe ich immer so getan, als wäre er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte."

Therapie mit Parfum und Cha-Cha-Cha

Sie probiert nach dem ersten Schock alles, um Ludwigs Hirn wieder in Gang zu bekommen. Früher hatte er das Parfum "Chanel No. 5" an ihr gehasst - also trägt sie es, wenn sie ins Krankenhaus fährt. Ludwig knirscht unwillig mit den Zähnen. Diese erste Reaktion motiviert sie, dranzubleiben. Krankenschwestern und Ärzte belächeln sie, weil sie Ludwig Hausaufgaben gibt. Sie lässt eine CD von seinem Tanzlehrerkollegen mit Schrittfolgen einsprechen und spielt ihm über Wochen immer wieder vor, wie die Tanzpartnerin beim Cha-Cha-Cha ausgedreht wird. Eines Tages reagiert er darauf, erinnert sich seine Mutter: "Das hatte mit Führen natürlich nichts zu tun, aber er hat seinen Oberkörper nach vorne geschleudert und diese Grundbewegung gemacht. Ich habe so geschrien vor Freude, dass mir der Arzt Valium zur Beruhigung geben wollte."

Mitten im Leben mit einer Gehirnhälfte

Videos
03:49

Ludwig Köppen: "Das Erwachen des Tänzers"

01.07.2017 18:45 Uhr
DAS!

Ludwig Köppen lag sechs Monate nach einem Unfall im Wachkoma - dass der Ratzeburger heute als Tanzlehrer arbeitet, grenzt an einem Wunder. Porträt eines langen Heilungswegs. Video (03:49 min)

Etwa 40.000 Menschen fallen bundesweit jedes Jahr ins Koma - etwa jeder dritte schafft es zurück ins Leben, so Zahlen des Bundesverbands Schädel-Hirnpatienten in Not. Zwischendurch sah es tatsächlich so aus, als würde Ludwig sterben. Nach etwa einem halben Jahr kam er jedoch Stück für Stück zurück. Sprechen, essen und gehen musste Ludwig komplett neu lernen. Und auch wenn die rechte Körperhälfte immer noch nicht hundertprozentig macht, was sie soll, und das Sprechen zum Teil noch schwer fällt: Mit nur einer funktionierenden Gehirnhälfte und einem Lungenflügel lebt der heute 24-Jährige in seiner eigenen Wohnung - und arbeitet wieder als Tanzlehrer.

Vieles vergessen, aber nicht wie man tanzt

Heute steht Ludwig im Tanzsaal der Möllner Tanzschule. Er hat seine Tanzpartnerin Eva Dulkies im Arm und zeigt seinen Schülern den Tango-Grundschritt. Einige Bewegungen wirken noch ein wenig steif, auch Ludwigs Hand an Evas Rücken ist eher kraftlos, das Tanzpaar hält jedoch stets den Takt. Für seine Schüler und Tanzlehrerkollegen ist es ein Wunder, dass es Ludwig nach einem halben Jahr im Koma wieder auf die Beine geschafft hat. Mittlerweile tanzt Ludwig besser, als er gehen kann, sagt sein Kollege Dirk Ladewig: "Das meiste aus seinem Leben hat er vergessen oder gestrichen, aber wie man tanzt, weiß er noch."

Heute bringt Ludwig anderen Hirngeschädigten das Tanzen bei

Es war Ludwigs Idee, in der Norderstedter Dependance der Tanzschule eine Gruppe für Schlaganfallpatienten aufzuziehen. Schließlich weiß er aus eigener Erfahrung: Nach Hirnverletzungen oder Schlaganfällen hilft Tanzen, die Koordination und die Motorik wieder in Gang zu kriegen. Dass Ludwig mittlerweile wieder eigene Tanzkurse gibt, hat er der grenzenlosen Unterstützung seiner Eltern und auch seinem eigenen Ehrgeiz zu verdanken. Konsequent absolviert Ludwig ein straffes Programm, um immer fitter zu werden, sagt der 24-Jährige: "Jeden Tag Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie."

"Das Erwachen des Tänzers" soll Mut machen

Seine Mutter hat nie daran gezweifelt, dass Ludwig wieder gesund wird. Auf dem Terrassentisch liegt ein Taschenbuch: Für "Das Erwachen des Tänzers" hat Luise Köppen den langen Weg aus Ludwigs Koma niedergeschrieben. Mit dem Buch will sie anderen Angehörigen von Komapatienten Hoffnung geben. Sie habe nicht das Patentrezept, Komapatienten zurückzuholen, sagt sie. Aber sie glaubt fest dass man die Patienten überzeugen muss, dass sich der Sprung ins Bewusstsein lohnt. "Due musst sagen: 'Ich biete dir etwas, wo du mitmachen kannst.' Dann, glaube ich, bringt man schon mal jemanden über die Schwelle zurück."

Weitere Informationen

Wachkoma: Mit Förderung zurück ins Leben

Ein Mensch im Koma nimmt scheinbar nichts von seiner Umgebung wahr. Doch es gibt Patienten, die ihre Umwelt registrieren. Eine Frühreha kann sie zurück ins Leben holen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 05.08.2017 | 14:40 Uhr

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